Interview mit Autorin Viola Waldner

Je länger man schreibt, desto mehr Autoren lernt man in seiner Karriere kennen. Man lernt neue Genres, Künstler und Stile kennen und möchte sich austauschen. Vor allem durch Gespräche zu Genres, die man als Autor selbst nicht bedient, kann man viel Profitieren, deswegen bin ich Stolz darauf euch das erste Interview auf dem Blog zu Präsentieren: Mit Viola Waldner.

Die Autorin Viola Waldner

Erst mal: Hallöchen, Viola! Fangen wir mal ganz normal an: Wer bist du und, da es ja um das Schreiben geht, was schreibst du so?

Hallo, David!
Also: Ich bin Studentin und seit mehreren Jahren nebenberuflich Autorin für Blogs, Produkttexte und so weiter. Am meisten interessiert mich aber die Fiktion, und so bin ich seit einem knappen Jahr auch sozusagen die „klassische“ Autorin 😉 . Ich bin beim Schreiben für viele Themen offen, schreibe aber am liebsten Gesellschaftskritisches und Erotisches.

Erotisch trifft es wohl sehr gut. Dein erster Roman ist ja „Das gefallene Mädchen: Wasser„, ein, laut deiner Facebook-Seite, „etwas anderer BDSM-Roman“. Inwiefern unterscheidet sich dein Roman von anderen Genre-Vertretern?

Ich wollte weg vom gängigen Klischee des millionenschweren Topmanagers, der nebenbei noch zwanzig Frauen unterwirft – oder von der immer willigen Frau, die auf Seite 1 brutal entführt wird und auf Seite 3 psychologisch nicht erklärbar dauerscharf geworden ist. Ich wollte einfach auch Charaktere erschaffen, die den Großteil der Gesellschaft ausmachen: Angestellte, Arbeiter, … eben nichts zu Elitäres, einfach weil ich authentisch bleiben wollte und auch ein Gärtner oder ein Mechaniker dominant oder submissiv sein kann. Auch in meinem Roman kommt übrigens eine Entführung vor. Ich versuche allerdings, sie auch aus Opfersicht realistisch zu beschreiben (ich war lange Zeit in der Opferbegleitung tätig).

Kurz gesagt: Ich greife in meinem Roman Gewalt vs. BDSM auf, ohne dabei zu verherrlichen.

Ah, verstehe. Es ist also auf Glaubwürdigkeit getrimmt. Auch „normale“ Menschen mögen BDSM. Das ist auch der Grund, warum ich dich zum Interview einlud: Der Kontrast zwischen mir, dem romantischen Jugend-, Liebesroman-Autoren und dir und deinem Genre. Es gibt zu jedem Genre Klischees. Liebesroman-Autoren sind immer extrem Romantisch. Fantasy-Autoren verlieren sich in „unechten Welten“ und welche Klischees gibt es im BDSM-Genre?

Genau, es soll glaubwürdig sein. Ich habe mir beim Debüt auch nichts „aus den Fingern gesogen“, es ist also überall ein kleines Fünkchen Realität vorhanden.
Ich weiß gar nicht, welches Klischee es unter Autoren im BDSM-Genre gibt. Ich glaube, ich bin da zu sehr involviert, als dass ich mir da ein Urteil bilden könnte. Jeder BDSM-Autor, den ich kenne, ist einfach sehr individuell. Ich schätze, das ist in beinahe jedem Genre so.
Übrigens bin ich selbst ebenfalls extrem romantisch – und sensibel. 😉

Ein Klischee, das ich mal in einer Internet-Diskussion gehört habe, war, dass BDSM-Autoren durch ihre Bücher ihre Leidenschaft ausleben. Du sagst, gegen dieses Klischee, dass du extrem romantisch und sensibel bist. Ist das mit dem Schreiben von BDSM vereinbar? Und wenn es immer ein kleines Fünkchen Realität beinhaltet, spiegelt dein Roman deine eigenen Erfahrungen mit BDSM wieder, falls du welche gemacht hast?

Ja, ich kenne BDSM-Autoren, die ihre Leidenschaft (auch) im Sinne von Schreiben ausleben. Auch in meinem Roman sind in manchen Szenen persönliche Vorlieben verpackt (und manche Vorlieben wurden mir sogar erst während des Schreibens bewusst, was irgendwie sehr amüsant ist), allerdings schreibe ich nicht vordergründig, um meine Leidenschaft auszuleben, denn die lebe ich ohnehin real aus 😉 .
Romantik und BDSM ist für mich generell absolut vereinbar, daher ist es auch das Schreiben darüber. Wenn eine Sub vor ihrem Dom auf die Knie geht, um ihre grenzenlose Liebe und ihr Vertrauen auszudrücken, dann ist das für mich sogar sehr romantisch. (Ich rede der Einfachheit halber von weiblicher Sub und männlichem Dom, gilt natürlich umgekehrt genau so.)

Was Erfahrungen angeht: In meinem Roman existiert prinzipiell nichts, womit ich mich nicht in irgendeiner Form auseinandergesetzt habe. Zum Teil spiegeln BDSM-Szenen durchaus auch ein bisschen eigene Erfahrungen wider (Ich weiß zum Beispiel sowohl aktiv als auch passiv, wie sich Fesseln und Gefesseltwerden anfühlen kann), aber ich achte auch darauf, eben nicht automatisch so zu schreiben, wie ich empfinden würde – ich will ja nicht mich im Roman beschreiben, sondern eigenständige Charaktere.
Nur ein bisschen Erfahrung, Wissen oder Recherche ist natürlich als Basis auch für anders tickende Charaktere ganz praktisch.

Ich mag den Gedanken, dass „auf die Knie gehen“ Vertrauen beweist, was ja auch stimmt. Wenn du nicht BDSm-Romane schreibst, um deine Leidenschaft zum BDSM auszuleben, wofür schreibst du dann? Liest du auch viel BDSM-Literatur?

Schön, dass Dir der Gedanke gefällt 🙂 .
Mein Debüt habe ich hauptsächlich deshalb geschrieben, weil ich zum Nachdenken anregen wollte – ohne erhobenen Zeigefinger und ohne die scharf getrennte „Gut gegen Böse“-Moral. Ich wollte auf vorhandene Schicksale aufmerksam machen, über die selbst in der BDSM-Szene nicht immer gerne gesprochen wird, denn Missbrauch ist auch in der BDSM-Szene nun mal ein Problem. Es ist nicht DAS Problem der Szene, ganz im Gegenteil, BDSM finde ich sogar sehr verantwortungsvoll. Aber es gibt manchmal eine Unterwanderung von fiesen Leuten mit fiesen Absichten. Von daher wollte ich mit meinem Debüt auch dazu anregen, sein Gegenüber zu hinterfragen, nicht blind hörig zu sein und keinem Märchen auf den Leim zu gehen.

… Da ich aber, wie erwähnt, recht sensibel bin, werde ich in meinen nächsten Romanen bestimmt vermehrt die leidenschaftliche Seite des BDSM zum Ausdruck bringen. Und ich will an dieser Stelle auch anmerken, dass der Inhalt meines Debüts nicht „die“ Szene beschreibt. Psychopathische Ärzte, Frauenverachter und seltsame Zusammenschlüsse sind meines Wissens nach zum Glück Ausnahmen – und sicher kein Merkmal von BDSM, sondern höchstens ein Missbrauch der doch recht verantwortungsvollen BDSM-Szene.

Ich lese nicht (mehr) so viel BDSM-Literatur, weil sie mir persönlich häufig zu klischeehaft ist. Mit Ausnahme der Kurzgeschichten und Romane eines deutschen Autors, der sich ebenfalls ein bisschen von der Masse abhebt – durch seinen im Erotikbereich recht gehobenen, für mich sehr ästhetischen Schreibstil, der mir schon die seltsamsten Praktiken schmackhaft machen konnte.

Also möchtest du zur Vorsicht anregen, wenn es um diese Themen geht. Du möchtest die Leidenschaft der Szene in deinem 2. Roman zeigen? Denkst du, dass wird sich mit dem beißen, was dein Debüt bei den Lesern dieses Genres hinterlassen hat? Und was ließt du am liebsten für ein Genre?

Genau. Ich will ein bisschen zum Nachdenken anregen und auch unangenehme Dinge ansprechen. Ob Menschen mit psychischen Problemen BDSM leben können sollten (und wenn ja, wie), wird in der Szene auch immer wieder heiß diskutiert. Das alles habe ich ebenfalls ins Debüt einfließen lassen. Ich neige einfach seit meiner Jugend dazu, unangenehme Dinge anzusprechen 😉 Und ich tu es gern, weil ich lieber hin- statt wegsehe.

Das mit dem Beißen ist ein guter Einwand. Ich habe keine Ahnung und lasse es einfach auf mich zukommen. Gänzlich zuckersüß wird wohl auch der nächste Roman nicht werden. Aber ich möchte ein entspannteres Setting schaffen. Quasi mehr Liebe und weniger Gewalt.
Was die Leser lieber mögen, werde ich dann schon merken – und auch an harten Dingen gehen mir die Ideen ja nie aus.

Ich lese gern klassische Literatur bzw. Gesellschaftskritisches und Thriller, aber auch Fachbücher. Und ja, manchmal lese ich tatsächlich auch gern Romantik. Ich bin da für Vieles offen.

Denkst du, deine Werke sind für Jugendliche (um die 16 Jahre) geeignet? Oder sollten diese sich komplett vom BDSM-Thema fernhalten? Für wen sind deine Werke geeignet beziehungsweise ist deine Zielgruppe „nur“ die BDSM-Szene?

Mein Debüt (bald folgt übrigens der zweite Teil, und eventuell wird es noch einen Bonus-Teil geben) empfehle ich ab Volljährigkeit, und zwar deshalb, weil es zeitweise doch sehr explizit – eben unbeschönigt – geschrieben ist. Mir ist schon klar, dass die Welt auch für Jugendliche ohnehin nicht immer rosig ist, aber ich möchte einfach niemanden, der sich vielleicht erst finden muss, zu stark irritieren. Wobei ich natürlich jeden gerne zum Nachdenken anrege, denn – um auf deine zweite Frage zu kommen – ich finde nicht, dass Jugendliche sich komplett von BDSM fernhalten sollten (zumal sich diese Vorlieben oft schon in früher Jugend herauskristallisieren), aber gerade Jugendliche sind leichter manipulierbar, und in diesem Fall können Täter leichtes Spiel haben, den Jugendlichen so weit zu dominieren, dass ein ungutes Abhängigkeitsverhältnis entsteht. Lange Rede, kurzer Sinn: An BDSM finde ich nichts Verwerfliches und auch Jugendliche können sich damit ruhig auseinandersetzen. Dann würde ich aber unbedingt empfehlen, sich in das Thema einzulesen, Stammtische für Jugendliche zu besuchen, und dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen. Wenn etwas seltsam wird: lieber abbrechen, lieber zurückziehen, als unnötige Risiken einzugehen. Für Notfälle gibt es übrigens auch „maydaySM„, das ist SM-Beratung von SM-Insidern. Meine Werke sind für jeden geeignet, der gern recherchierte, realistische (wenn auch nicht immer alltägliche) Geschichten liest und auch „schwerer“ Thematik gegenüber nicht gänzlich abgeneigt ist. Wer einfach nur einen erregenden Erotikroman lesen möchte, ist, auf mein Debüt bezogen, mit anderen Büchern besser bedient. Ein Leser meinte mal – was mich sehr gefreut hatte – dass mein Debüt quasi DER Einblick in SM sei. Und ich freue mich immer, wenn auch BDSM-Unerfahrene meine Protagonistin bei ihren ersten Schritten in die Szene begleiten. (Wobei manche dieser Schritte, also Gewalt, natürlich nicht die Norm sind.)

Es freut mich, dass du so viel positive Resonanz zu deinem Debüt bekommen hast. War das in deinem privaten Umfeld auch so? Ich prahle ständig damit, ein Jugendroman-Autor zu sein, so weit, dass ich Leute damit schon anfange zu nerven. Machst du das auch mit deinem Genre?

Danke 🙂
Nein, ich werde von den meisten Menschen eher seltsam angesehen, wenn ich erkläre, was genau ich da so schreibe … 😉 Meine Familie nimmt es recht gelassen, mein Partner sowieso. Im Freundeskreis gab es allerdings bereits Brüche aufgrund des Romans, was mir sehr leid tut.
Von daher ist es mir eine umso größere Ehre, dass Du mich hier interviewst! – Ich kommuniziere ja gerne und beiße nicht.
Ich habe aber ohnehin vor, unter einem anderen Pseudonym auch mal andere Genres zu wagen – da kann ich dann ungezwungen prahlen. 😉

Ich finde es furchtbar schade, das Freundschaften brechen, weil man sich kreativ auslebt, in einem Thema, was nicht „Massenkonform“ ist. Das tut mir Leid für dich, Viola. Wirklich. Kommt so etwas öfter im Genre vor? Und wenn es jemanden gibt, den du jetzt zum Schreiben einer eigenen BDSM-Geschichte inspiriert hast, denn nicht jeder ist so eingeschränkt, wie deine früheren Freunde, was würdest du diesen Anfängern im Genre mit auf dem Weg geben?

Danke, das ist lieb von Dir!
Ich weiß nicht, wie oft Freundschaften an Romaninhalten zerbrechen – ich kenne keinen weiteren Fall.

Puh, ich würde Anfängern folgende Erfahrungen mitgeben (ich liste sie zur besseren Übersicht auf):
1.) Wenn Du kommerzielle BDSM-Romane schreiben willst, dann ist Klischee und Romantik gepaart mit Härte gefragt („Soft-BDSM“).
2.) Auch wenn es bei BDSM um Erotik geht – die Leser mögen es trotzdem professionell (ich als Leser übrigens auch). Zu viele Fehler, zu schnell runtergeschrieben … Das wirkt vor allem im Erotikbereich alles andere als seriös.
3.) Wenn Du von einer SM-Praktik zu wenig Ahnung hast, kannst Du selbst experimentieren (solange Deine Sicherheit gewährleistet ist), oder Du wendest Dich mit Recherchefragen an Erfahrene bzw. an Dominas. Auch Letztere sind erfahrungsgemäß sehr freundlich, was Recherchehilfe angeht.
4.) Zensiere Dich nicht selbst! Erotik ist nicht böse und BDSM ist es auch nicht. Eine Textstelle löschen kann man vor Veröffentlichung schnell. Zensur hingegen hemmt meiner Erfahrung nach die Kreativität.
5.) Nimm meine Erfahrungen nicht für bare Münze und beobachte das Genre am besten selbst. So kannst Du auch am besten entscheiden, welche Zielgruppe Du bedienen möchtest, etc.

Und jetzt zur letzten und einfachsten Frage: Wann erscheint „Das gefallen Mädchen: Blut“?

Leider konnte Teil 2 von „Das gefallene Mädchen“ aufgrund unvorhergesehener Umstände nicht zum ursprünglich geplanten Termin erscheinen. Bis spätestens Ende Juli sollte es jetzt trotz Hindernissen klappen. Das Manuskript ist so gut wie fertig, aber ich bin eben pingelig.
Um den Leser für die mitunter ausnahmsweise längere Wartezeit zu entschädigen, wird es dann auch eine Aktion geben. Das bin ich meinen Lesern (gerne) schuldig.

Alles klar! Dann danke ich dir für deine Zeit und deine Antworten und wünsche dir noch einen angenehmen Tag!

Vielen Dank, David, für das nette und reibungslose Interview! Es hat Spaß gemacht! Ich wünsche Dir auch noch einen schönen Tag und viel Erfolg mit Deinen eigenen Projekten!