Muss alles relevant für die Handlung sein?

Wer sich über das Schreiben als Kunstform informiert, sei es um selber zu Schreiben, oder einfach aus Interesse, der wird irgendwann folgendes lesen: „Beschreibe nur, was relevant für die Handlung ist.“ Dabei wird dann oft der Vergleich mit einer Waffe an der Wand gezogen; Wenn du als Autor eine Waffe an einer Wand beschreibst, dann muss damit irgendwann auch geschossen werden, sonst ist es „Info-Dump“, Informationsmüll. Doch stimmt das überhaupt? Die Antwort darauf erhalten wir ungewöhnlicherweise aus einem völlig anderem Medium: Dem Film.

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Bücher sind ein Medium, dass fast allein auf Handlung zurückgreifen kann. Es gibt keine Visualisierung der Szene und keine ausgefeilte Soundkulisse, welche die Atmosphäre der Geschichte untermauert. Alles hängt von den Fähigkeiten des Autoren ab. Die Atmosphäre entsteht nur im Kopf des Konsumenten. Als Schreib-Künstler muss man, trotz dem Ziel einer dichten Atmosphäre darauf achten, dass man sich nicht in Details verliert und man sich auf einige wenige Beschreibungen konzentriert. Daher scheint er Ratschlag, dass das, was man beschreibt wichtig für die Handlung sein muss, zunächst richtig, doch besteht ein Buch eben doch nur aus fast der eigentlichen Handlung.
Ein Buch lässt sich in viele Punkte unterteilen. Zum einen hat man die Handlung: Was soll im Buch passieren? Was ist die Botschaft, die man dem Leser mitteilen will? Doch dann gibt es auch Charaktere, welche die Handlung beeinflussen und von ihr beeinflusst werden. Und für die Charaktere sind Beschreibungen besonders wichtig, denn der Mensch ist ein Augentier und nimmt 80 % der Informationen über das Auge wahr, und sei es durch das innere Auge dank guter Beschreibungen.
Beschreibungen in Büchern sind das, was Dialoge in Filmen sind. Sie sind eine effektive Methode um etwas zu erzählen. Früher wurden die Dialoge, wie die Beschreibungen, nur dann eingesetzt, wenn sie der Handlung dienlich waren. Doch ein Mann änderte dies mehr, als jeder andere: Quentin Jerome Tarantino.

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Einer der Götter des Mediums Filme: Quentin Tarantino

Durch den YouTube-Kanal QUADRATAUGE, bei dem unter anderem der großartige Marco Risch mitwirkt, weiß man, wieso Quentin Tarantinos Dialoge so anders und so effektiv sind. Er zeichnet sich eben nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch Dialoge aus. Sein Meisterwerk „Pulp Fiction“ beginnt damit, die Fesseln der Anwendungsgebiete des Stilmittels „Dialog“ zu durchbrechen.
Die beiden Hauptcharaktere unterhalten sich über eine Reise ins europäische Ausland und die dortigen Fastfood-Restaurant, inklusiver ihrer „merkwürdigen“ Bezeichnungen für verschiedene Burger.
An sich hat dieses minutenlange Gespräch nichts mit der Handlung zu tun, es findet ja auch keine wirkliche Handlung statt: Sie sitzen im Auto und reden über Burger. Weniger Handlung geht in einem Film kaum. Dennoch würde sich niemand bei klarem Verstand dazu hinreißen zu sagen, dass dieser Dialog gestrichen werden sollte. Denn, auch wenn er keinen wirklichen Bezug zur Handlung hat, (die Handlung käme auch ohne diesen Dialog aus) hat er einen Sinn: Er beschreibt indirekt die Charaktere.
Alleine durch diesen Dialog wird klar, dass sowohl Vincent Vega, als auch sein Kamerad Jules Winnfield Kulturbanausen sind. In einem so exotischen Land wie Frankreich (Aus amerikanischer Sicht) blieb Vincent lediglich die Fastfood-Kultur im Gedächtnis.
Durch diesen handlungsirrelevanten Dialog wurden die beiden Protagonisten in wenigen Minuten stark charakterisiert und lebendiger gemacht, als in vielen anderen Filmen.

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Bildergebnis für Pulp Fiction

Doch wie lässt sich das auf Bücher, einem völlig anderen Medium, übertragen? Wie ich bereits schrieb, sind Dialoge in Filmen das, was Beschreibungen in Büchern sind. Beschreibungen werden oft verwendet, um unangenehme Aufgaben des Autorenseins, wie Szenendarstellungen, zu vereinfachen. Man beschreibt einfach, welche Farbe die Wände haben, oder noch unverzheilicher: Welche Augenfarbe einer der Hauptcharaktere hat, welche Haarfarbe und so weiter. Es erfüllt zwar seinen Zweck, ist aber nicht so effektiv wie das so genannte „Show, don’t tell.“ Und genauso verhält es sich mit Dialogen in Filmen.
So wie Tarantino es schaffte, einen ehemals kaum beachteten Aspekt der Filme zu seinem Markenzeichen zu machen, so muss der Autor das Optimum aus Beschreibungen herausholen und ihre Regeln verbiegen oder gar brechen. Natürlich sollte man wichtige Dinge beschreiben, doch Beschreibungen können auch anders Funktionieren.
Da wäre das Beispiel mit der Waffe an der Wand. Man kann sie Beschreiben, um sie einige Seiten später abfeuern zu lassen, oder man nutzt sie, um nicht die Tötungsmaschiene, sondern ihren Besitzer zu beschreiben.
In der modernen Zeit ist eine Waffe an der Wand etwas ungewöhnliches. Sie kann viel über ihren Besitzer aussagen. Wenn es eine antike Waffe ist, so könnte ihr Besitzer ein Antiquitätensammler sein. Ist sie eine moderne Waffe und hängen um sie herum Dienstabzeichen, wissen wir, dass ihr Besitzer Soldat war und als Autor muss man dies mit keinem einzigen Wort erwähnen, eben wegen der Beschreibung einer Waffe, mit welcher nie geschossen wird.
Später kann man diese Waffe, genau wie die Burger-Thematik in Pulp Fiction, dann wieder aufgreifen, zum beispiel um die Leiche neben einer Waffe als die des Soldaten zu identifizieren, eben durch diese markante Waffe. Oder der Besitzer nimmt die Waffe in die Hand, sagt, kurz nachdem er dem Protagonisten eine Forderung stellte, wie sehr er das Schießen vermisst. Dadurch erlangt der Soldat eine ungewöhnliche Brutalität in seiner Forderung. Er wirkt bedrohlicher, ohne die Waffe auf den Protagonisten zu richten.
Beschreibungen von Nebensächlichkeiten können so einen wichtigen und vor allem Abwechslungsreichen Weg bilden, einen Charakter zu beschreiben.

Der Rat sollte also nicht lauten: „Beschreibe nur, was relevant für die Handlung ist“, sondern „Beschreibe, was relevant für die Handlung und ihre Charaktere ist.“

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Für mehr Informationen zum Thema Beschreibungen empfehle ich einen Blick in „Fantasy schreiben und veröffentlichen. Phantastische Welten und Figuren erschaffen: Handbuch für Fantasy-Autoren“ von Sylvia Englert. Dort wird die Thematik der Bedeutung und Möglichkeiten von Beschreibungen auch aufgegriffen, wenn auch im Fantasy-Setting. Und generell sollte man eh immer wieder mal die 111 Übungen für kreatives Schreiben von Reclam zur Hand haben: https://www.amazon.de/Kreatives-Schreiben-Materialien-Unterricht-Universal-Bibliothek/dp/3150152283 Da lernt man auch einiges.


Was haltet ihr von meinem Vergleich zwischen Pulp Fiction und Literatur? Denkt ihr, man sollte nur direkt-relevantes beschreiben oder stimmt ihr mir bei der Biegsamkeit dieser „Regel“ zu? Lasst es mich in den, nun wieder dauerhaft aktiven, Kommentaren wissen!

3 Kommentare zu „Muss alles relevant für die Handlung sein?

  1. Es gibt sie zwar in beiden Medien, doch funktionieren sie in beiden Medien unterschiedlich. Die Art und Weise wie ein Steve Buscemi einen Dialog spricht, kann man in einem Buch maximal andeuten. Dinge wie exakte Tonlage, detaillierte Mimik und Gestik würden in Büchern, sollte man diese in dem Detailgrad wiedergeben, völlig überladen wirken. Zu dem werden Dialoge in Büchern oft auch zur Beschreibung genutzt, was in Filmen nicht notwendig ist, wegen der Kamera. Mir geht es auch nicht darum, wozu Beschreibungen in Büchern genutzt werden (Kulissenbeschreibung), sondern wie es als Punkt innerhalb des Mediums gewichtet ist. Es geht ja darum, dass Beschreibung in Büchern eben MEHR sein sollte, als nur „Kulisse“. Wer Beschreibungen nur für Kulisse nutzt, wird früher oder später einsehen, dass er nicht gut im Schreiben ist. Wenn für dich, laut deiner Aussage, Beschreibungen nur Kulisse sind, solltest du die Möglichkeiten dieses „Stilmittels“ überdenken, denn sonst verlierst du unweigerlich zu viel Potenzial (Falls du denn schreibst.). Wie eben im beispiel anhand der Waffe an der Wand ersichtlich: Es muss nicht immer nur das beschrieben werden, womit geschossen wird.

    Und die Aussage des Artikels ist eindeutig im aller letzten Satz des Hauptartikels zusammengefasst, damit ihn jeder versteht: Der Rat sollte also nicht lauten: „Beschreibe nur, was relevant für die Handlung ist“, sondern „Beschreibe, was relevant für die Handlung und ihre Charaktere ist.“ Eigentlich ganz einfach.

    Für mehr Informationen zum Thema Beschreibungen empfehle ich dir einen Blick in „Fantasy schreiben und veröffentlichen. Phantastische Welten und Figuren erschaffen: Handbuch für Fantasy-Autoren“ von Sylvia Englert. Dort wird die Thematik der Bedeutung und Möglichkeiten von Beschreibungen auch aufgefasst, wenn auch im Fantasy-Setting. Und generell sollte man eh immer wieder mal die 111 Übungen für kreatives Schreiben von Reclam zur Hand haben: https://www.amazon.de/Kreatives-Schreiben-Materialien-Unterricht-Universal-Bibliothek/dp/3150152283 Da lernt man auch einiges.

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    1. Die beiden Bücher-Empfehlungen packe ich mal eben in den Hauptartikel, könnte vielen eine Hilfe sein. Wäre ich so nicht drauf gekommen. Danke, Kore!

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    2. Genau das, was du da geschrieben hast meine ich. Als ich noch blutiger Anfänger war, haben mir Lektoren-testleser geraten NUR das relevante zu beschreiben. Früher fand ich auch einige Artikel in blogs, die es ja nicht mehr gibt, die dazu rieten. Klar, ein Fokus auf der Handlung muss gegeben sein, aber ich fand damals echt keinen Artikel, die sich auf die tieferen Ebenen der Möglichkeiten des Beschreibens konzentriert habem. Das, was du da beschrieben hast, hilft der Handlung in keiner Weise, aber dafür der Geschichte als Kunstwerk. Genau so meine ich das! 😀

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