Fitzek, Flasche Veranschaulichung und Förderung von Klischees

Ihr habt es vielleicht schon mitbekommen: Sebastian Fitzek, einer der erfolgreichsten deutschen Autoren aller Zeiten, bringt ein neues Buch heraus. Es trägt den Titel „Der Insasse“ und spielt zum Großteil in einer psychiatrischen Einrichtung. Zu Marketingzwecken hat sich der Knaur-Verlag einen kleinen PR-Gag erlaubt, der nach hinten losging. Grund genug diesen Fehler zu besprechen und meine eigenen Erfahrungen mit (Offenen) Psychiatrien zum besten zu geben.

Das Klischee „Psychiatrie“

Wir kennen es doch alle: Wenn jemand von einer Psychiartrie spricht, haben wir direkt ein dreckiges Krankenhaus im Kopf, wo alle Patienten an ihr Bett gefesselt sind und eigentlich gar nicht mehr zu retten sind. Na klar, wen findet man in Psychiatrien? Psychos, richtig?
Es scheint so. Sucht man bei freien Stockfoto-Seiten das Wort „Psychiatrie“ so erhält man relativ eindeutige Ergebnisse:

(Quelle: Pixabay.de)

Das ist das Klischee, dass rund um solche Einrichtungen vorherrscht und der Knaur-Verlag nutzte dieses Klischee, wie vermutlich Fitzek in seinem Buch auch, (Wobei es noch nicht erschienen ist) und veranstaltete eine kleine Aktion.
Fans dürfen das Manuskript von „Der Insasse“ vorab lesen, unter der Voraussetzung, dies innerhalb eines Tages zu tun, in einer psychiatrischen Einrichtung. Und da wird es das erste Mal kritisch. Menschen werden also bald in eine Psychiatrie geladen und das völlig ohne Notwendigkeit. Das alles ist schon grenzwertig, doch macht der Autor es nur noch schlimmer.

In einem Facebook-Post schreibt Fitzek:

„Ende Oktober erscheint mein neuer Psychothriller „Der Insasse“. Wem das zu lange dauert und wer verrückt genug ist, hat die Gelegenheit, das gesamte Buch bereits zwei Monate vor dem Erscheinungstag zu lesen. Kleiner Haken: die acht Testleser müssen bereit sein, sich für eine Nacht in die „Steinklinik für Forensische Psychiatrie“ einweisen zu lassen, ein wichtiger Schauplatz meines neuen Romans. […] Unter allen mutigen Bewerbern werden zusätzlich 10 handsignierte Exemplare von „Der Insasse“ verlost. Teilnahme auf eigene Gefahr 😉

Und es stimmt so viel mit diesem Post nicht. Schon im 2. Satz wird das Setting einer Psychiatrie mit „Verrückt“ in Verbindung gebracht. Es wird angedeutet, dass ein „Insassen“ einer Psychiatrie „verrückt“ seien. Man muss doch selbst „verrückt“ sein, um sich so etwas FREIWILLIG anzutun.
Die Leser müssen bereit sein, sich eine Nacht lang „einweisen“ zu lassen und jeder Bewerber ist automatisch „mutig“, dass er sich so einer Aufgabe stellt, eine Nacht in einer Psychiatrie zu sein. Ach ja: Teilnahme auf eigene Gefahr, falls was schief geht oder so? Keine Ahnung. Na, hoffen wir mal, dass die Testleser das auch überleben!!!111

Dieses Klischee ist so extrem ermüdend. Es wird mit den falschen Vorstellungen dieses Behandlungssettings gespielt und das Unwissen der Leser genutzt, um PR für ein Buch zu machen. (EIN FUCKING BUCH, EY!!!) Gleichzeitig wird auch dieses Klischee gefördert. Leute, die in einer Psychiatrie waren oder sind, werden direkt als Krank dargestellt, zusammengetrieben in einem Ort, den „normale“ Menschen eh nie betreten würden, außer sie sind echt super „mutig“. (Oder wollen ein Gratis-Buch …)

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Ne du, lass ma Sebbi.

Natürlich wird dieser kleine PR-Gag mit dem Cover des Buches abgerundet, dass eine weiße, sterile „Gummizelle“ zeigt. Und ja: Es gibt solche „Gummizellen“. Doch heißen sie „Kriseninterventionsräume“ und sind nicht weiß und steril. Der Raum, den ich kenne, ist Bunt. Die Wände sind abgepolstert in Rot und Blau tönen, mit weichen Bausteinen aus Schaumstoff und einem großen Fenster, der den Raum mit Licht durchflutet. Und ja, auch ich war für einige Zeit in einer Psychiatrie und wie war es dort so?

Die wirklichen (offenen) Psychiatrien

Psychiatrien sind kein Ort, wo „kranke“ Menschen untergebracht werden, wie Tiere. Sie werden nicht wie in einem Gefängnis in winzige Zellen eingesperrt. Es sind keine „Insassen“. Es sind Patienten. Es sind Menschen mit Problemen und dem Willen, diese anzugehen. Das erfordert Mut, den sich viele Menschen nicht mal ausdenken könnten und diese wirklich mutigen Patienten werden von einem so großen Autor und einem so großen Verlag als „Insassen“ betitelt, als wären sie von der Polizei ins Gefängnis gebracht worden. (Natürlich gibt es auch Menschen, die in solche Settings gebracht werden, ohne es zu wollen. Aber dieses Thema würde den Rahmen sprengen.) Es wird suggeriert, das sie „verrückt“ seien und „normale“ Menschen bräuchten „Mut“ um hier zu sein. Ja, es braucht Mut um in eine Psychiatrie zu kommen, da man sich dort behandeln lassen WILL.

Diese Orte sind sichere Orte. Es sind Safe-Places. Man wird als Patient zum einen entlastet: Dinge wie das rechtzeitige Aufstehen und das organisieren eines Frühstücks, werden von geschultem Personal übernommen. Man kann sich als Patient voll auf seine Behandlung und Therapie konzentrieren und man ist dort auch nicht alleine.
Man ist nicht der einzige Patient dort. Es sind mehrere Menschen in einer Psychiatrie, die sich behandeln lassen. Ich zum Beispiel war dort, weil ich Probleme mit der Aggressionsregulierung hatte. Ich wurde sehr schnell sehr wütend und war dann auch einige Male im Kriseninterventionsraum, wenn ich nicht mehr mit meiner Wut umzugehen wusste.
Es war kein kalter Raum, wo „Insassen“ verstaut und vergessen werden, wie eine Einzelhaft. Es war ein bunter Raum, in welchem man sich für eine kurze Zeit regulieren konnte. Man konnte auf farbenfrohen Wände einschlagen, die Dinge im Raum umwerfen und schreien so viel man wollte, und das ohne „Stress“.

Wenn ich einen solchen seltenen Anfall hatte, bekam ich Angst. Ich musste die Wut rauslassen, ich konnte nicht anders, aber ich hatte immer Angst mich oder jemand anderes zu verletzen. Durch die Kriseninterventionsräume wurde mir diese Angst mit einem Mal genommen. Ich konnte dort das erste Mal in meinem Leben meiner Wut freien Lauf lassen, auf Wände einschlagen und auch schreien und es passierte nichts schlimmes mit mir. Der Raum bot mir keine Einsamkeit und Gefangenschaft. Er bot mir Sicherheit.
Hatte ich mich beruhigt, kam einer der Mitarbeiter und sprach mit mir, brachte mich ruhig zum Psychologen oder gab mir die Medikamente, die ich brauchte. Es löste nur die ersten Male ein Schamgefühl aus, doch dann bemerkte man, das es nichts peinliches war. So ein Raum bietet einem auch neben dem Wutanfall Sicherheit. Man wusste, wenn man jetzt ausrastet, wird man in Sicherheit gebracht, man hat also keine Angst mehr davor und kann sich noch viel besser auf die Behandlung konzentrieren.
Die Kriseninterventionsräume wurden aber nicht nur für solche Extremfälle benutzt. Man konnte da auch rein, wenn man nur etwas wütend ist, oder wenn man kurz alleine sein wollte, ohne sich in seinem Zimmer zu verkriechen, wo man eh schon oft ist. Hier wussten die Mitarbeiter wo man war und das einem nichts passieren konnte, und ich wusste das auch.

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So sieht eine Psychiatrie eher aus

Und wie sieht eine Psychiatrie sonst aus? Es sieht aus, wie ein Krankenhaus+. Es ist ein Krankenhaus, klar, aber es ist gemütlich. In meinem Zimmer stand ein knallig gelber Schrank, zwei blaue Sitzsäcke für mich und andere Patienten und das Bett war warm und weich. So sah jedes Zimmer aus und wir konnten es sogar dekorieren. Fotos aufhängen zum Beispiel.
Und die Aufenthaltsräume standen den Patientenzimmer in nichts nach. Bei uns standen in der Mitte zwei große Sofas und an einer Wand hing eine gigantische Collage mit dutzenden Fotos der Patienten, während des Aufenthalts und auch danach, welche die Patienten selbst zu Verfügung gestellt hatten. Und das Esszimmer war groß und stark beschmückt mit kreativen Arbeiten der Patienten.

Der Ablauf war stark strukturiert, weil es den Patienten so etwas Belastung abnahm. Man stand gleichzeitig auf, ging nacheinander Duschen und frühstückte Gemeinsam, aß zusammen zum Mittag und auch zum Abendessen. Es war wie eine Wohngemeinschaft, mit dem Unterschied, dass man hier betreut wurde und dass man an Problemen arbeitete.
Natürlich ist ein Aufenthalt in einer solchen Einrichtung unfassbar anstrengend. Jeder Veränderungsprozess der Psyche ist das, doch Orte wie diese machten es mir und Millionen anderen möglich, diese Probleme unter sicheren Voraussetzungen anzugehen. Und dass diese Settings immer wieder so dargestellt werden, wie von Fitzek und Knaur ist nicht nur furchtbar schade. Es zeugt von ihrem Unwissen-

Ich hoffe, ich konnte bei einigen das Klischee der Psychiatrien einreißen und wünsche mir von einem so erfolgreichen Autor etwas mehr Talent im Umgang mit Menschen, ich übe mich da ja selbst noch daran. Aber vor allem wünsche ich mir mehr Talent Seitens Verlage, denen mehr und mehr die Existenzberechtigung fehlt.

Ein Kommentar zu „Fitzek, Flasche Veranschaulichung und Förderung von Klischees

  1. Hallo David,

    zuerst wollte ich schreiben, dass ich es auch nicht toll finde, wenn gewisse Klischeés immer wieder ausgeschlachtet werden.
    Aber dann war ich bisschen baff.
    Baff von deiner Offenheit und Ehrlichkeit. Hut ab.
    Und ich weiß nicht, was man dazu sagen sollte… Aber ich wollte dir unbedingt einen Kommentar hinterlassen.
    Denn psychisch-erkrankte Leute so abstempelen, finde ich persönlich, sehr mies. Klar gibt es welche, die ihren „Verstand verloren“ haben. Aber man muss nicht alle über einen Kamm scheren.

    Gruß Cela

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