Leseprobe #1: Christians Reise

Photo by Julian Hochgesang on Unsplash

Wer einem Autorenblog folgt, ist vermutlich sehr interessiert am geschriebenem Wort. Und da ich auch Bücher veröffentliche, ist es immer wieder eine gute Idee mal eine Leseprobe zu veröffentlichen. Leseproben zu meinen Büchern findet ihr auf den jeweiligen Buchseiten meiner Website, daher möchte ich nun unregelmäßig kleinere und größere Geschichten hier auf dem Blog veröffentlichen, die mal etwas mit Buchprojekten zu tun haben und mal nicht. Die erste Leseprobe basiert auf einer Schreibübung einer Facebook-Gruppe, die ich euch überarbeitet präsentieren möchte! Als Vorlage diente ein ähnliches Bild wie jenes im Titel.

Nach Tagen des Wanderns waren Christians Beine müde und schmerzten, doch er war endlich angekommen: Qeijot, das unscheinbare, von dichtem Wald umschlossenes Juwel des mittleren Westens. Vor einem Monat bekam er einen Brief, der ihm Tränen der Freude ins Gesicht schießen ließ. In diesem so unscheinbaren aber auch so lebenswichtigen Dokument wurde ihm die Teilnahme an einer Maßnahme des Staates zur Förderung der Jugend gewährt. Er hatte sich durch seinen Vertrauenslehrer beworben und betete, dass er angenommen würde. Damit konnte er endlich von seiner Mutter fliehen, wäre in Obhut eines Sozialpädagogen gewesen und konnte sich auf seine gesundheitliche Genesung konzentrieren, während er gleichzeitig seinen Abschluss machen würde. Es war eine echte Chance und er hatte sie bekommen.
Blöd nur, dass seine Mutter das Gefühl bekam, dass durch diese Maßnahme „alle Leute“ denken könnten, sie wäre eine schlechte Mutter, was sie ja auch war. Christians gesundheitlicher Zustand wurde täglich schlechter und die Ursache für das Bluten war ein Tritt der Mutter in die Magengrube, als sie betrunken auf ihrem Sohn kniete und ihm mit beiden Händen die Luft zuschnürte.
Sie verbat Christian die Teilnahme und nahm ihm sogar das vom Staat bezahlte Ticket weg und schloss ihn in seinem Zimmer ein. Christian hatte keine andere Wahl. Wenn er leben wollte, musste er aus dem Fenster des Hauses klettern und sich auf den Weg zu machen. Noch nie fiel ihm eine Entscheidung so einfach, wie das Klettern aus dem vierten Stock.
Während der mehr als 300 Meilen des Fußmarsches hatte sich sein Gesundheitszustand immer weiter verschlimmert. Wieder floss ihm Blut das Bein hinab und ein stechendes Brennen breitete sich in seinem Bauch aus. So stark, dass er auf die Beine sank und anfing zu weinen und aufzustöhnen. Er krallte seine Finger in seinen Bauch und musste sich dazu zwingen, trotz des Schmerzes weiterzuatmen. Er wünschte, er hätte seinem Vertrauenslehrer von dem Bluten erzählt, doch es war ihm einfach zu peinlich.
Doch das aufstehen fiel ihm gerade einfacher als sonst, denn da waren sie: Die Schienen die nach Qeijot führten. Als er aufstand. fühlte es sich an, als würde seine Bauchdecke aufreißen, doch das musste er jetzt ignorieren. Sein neues Leben begann, auch wenn sein erster Tag bereits gestern war.
Mit dem Gedanken beflügelt, endlich von seiner Mutter weg zu sein, kletterte auf die Schienen und hoffte, die Information, dass sie nicht mehr im Betrieb waren, seien richtig. Er lief weiter und spürte, wie sein Pullover hinten feucht geworden ist.

blut