Review: Deborah – Episode 1

Hab keine Angst, Deborah.

Ich erzählte euch ja bereits, wie großartig ich die Arbeit von DeChangeman finde. Ich erzählte auch, wie sehr ich mich auf seine neueste Arbeit freue und am letzten Sonntag erschien die erste Episode von „Deborah“ endlich. Und wie ich die Episode fand, erzähle ich euch jetzt.

Es war ein Sonntag, wie dieser. Ich saß vor meinem Fernseher, startete meine XBox ONE und die YouTube-App. Und da sah ich es: „Deborah: Episode 1“. Sofort war ich vom Hype erfasst und startete die knapp 30-minütige Folge und lehnte mich zurück. Ich wusste nicht, was mich erwartete, da das Marketing der Webserie sich bezüglich der Handlung sehr zurück hielt. Ich wusste nur eines: Ein junges Mädchen mit dem Namen Deborah war verschwunden.
Das war maximal ein Elevator-Pitch, doch es reichte mir auch schon und jetzt schwanke ich darüber, wie viel zur Story ich euch erzählen möchte. Ich entscheide mich dafür, nur Story-Inhalte zu erwähnen, wenn sie meiner Argumentation dienen und selbst dann nur grobe Umschreibungen zu benutzen.

Um es direkt vorweg zu sagen: Deborah ist DeChangemans bislang beste Arbeit. Sie ist noch hochwertiger als „Unser Vater Markus Specht“ und scheint um ein vielfaches Komplexer in der Handlung zu sein.
Mein Ersteindruck, denn mehr kann man nach einer Episode wirklich nicht sagen, ist, dass die Handlung der Serie durch 2 Elemente getragen wird: Die Charaktere und die Stadt.

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Die Charaktere wirken optisch Bodenständig, normal und gewöhnlich, was eines der Markenzeichen von DeChangeman zu sein scheint. Jeder der wichtigen Charaktere in Deborah hätte auch ein Statist im Hintergrund sein können. Das traf auch auf Markus Specht zu, wo die Charakter Glaubwürdig, statt auffällig erschaffen wurden.
Das sorgt vor allem dafür, dass zwischen trostlosem Dorf und unauffälligen Bewohnern eine Art Symbiose entsteht: Die deprimierende Stadt wird durch die deprimierenden Charaktere depremierend, und da macht die Charaktere deprimierend. Es passt perfekt zu einander.
Wir erkennen uns und bekannte in der Optik der Charaktere wieder und binden uns an sie, was uns zum Verhängnis werden kann, wenn wir erkennen, was hinter den Charakteren Steckt.
Denn der Stil von DeChangeman besteht nicht nur aus „Gewöhnlich“ aussehenden Charakteren. Sein Stil ist diese gewöhnliche Optik und das dahinter schlummernde Böse. Ein normal wirkender, junger Mann sitzt in der Kneipe, wie es millionen von Menschen auch tun, doch ruft er dann öffentlich zum Mord am Dorf-Pfarrer auf, während er sein Bier trinkt. Und der Kerl ist keine Ausnahme. Die Leute im Dorf kennen sich und ticken auf die selbe Art und Weise. Das macht das Dorf noch intimer und das Böse in den Charakteren noch nahbarer.

Jeder der Charaktere wirkt äußerlich normal, aber innen beinahe schon verdorben, und das, obwohl wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht wissen können, wieso. Dieser Transport der inneren Zerissenheit wird vor allem durch die „Schauspieler“ getragen und ja, ich setze die “ gewollt ein, denn ebenfalls für DeChangeman typisch, besteht der Cast zum Großteil aus YouTubern. Damit meine ich jetzt keine ApoReds oder andere Vertreter der „Asi-YouTuber“ Gattung, sondern wirkliche Content-Creator, die sich einen Namen durch hochwertige Inhalte auf der Plattform YouTube gemacht haben.
Zu diesen Schauspielern zählen unter anderem Fabian Siegismund, Uke Bosse und Florentin Will, welche durch hauptberufliche Schauspieler im Cast unterstützt werden.

Florentin

Natürlich kann man von Webvideo-Produzenten keine herausragenden Schauspielleistungen erwarten, und das tat ich auch nicht, da ich wusste, was mich in diesem Punkt erwartete, da ich DeChangemans vorherige Arbeit kannte. Dennoch wirkten die Darsteller zum Großteil stimmig zum Szenario und machten ihren Job gut genug. Klar, hier und da verfallen die Darsteller in bestimmte Wesenzüge, wie man sie von ihnen durch andere Arbeiten kennt. So kommt auch ein Fabian Siegismund nicht ohne sein „Siegismund-Gröhlen“ herum und gröhlt sein „DUUU!“ sehr explizit. Und ja, man merkt teilweise die Erfahrungen den einzelnen Darstellen an und kann qualitätsunterschiede zwischen einem Florentin Will, der vorher schon Sketche produzierte, und einem Fabian Siegismund, der dies nicht so explizit und nur vereinzelt tat, erkennen. Wenn ich an die aller erste Szene mit Florentin denke, bekomme ich immer noch eine gänsehaut, wie gut er einen Schockzustand spielte.

Der größte Qualitätsunterschied der Darsteller existiert aber zwischen den Webvideo-Produzenten und den wirklichen Schauspielern, aber das war zu erwarten.

Die zweite Stützte der Handlung ist der Ort. Die Serie wurde in einem wirklich existierenden Dorf in Deutschland gedreht und gibt der Handlung einen depremiert wirkenden Rahmen. Während vorherige Arbeiten von DeChangeman keine großen Settings hatten, wurde dies hier drastisch erweitert und das Szenario wurde clever in die Handlung der ersten Episode eingeflochten.

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Es sind kleine Details in der Umgebung, die vom Zuschauer eine gewisse Aktivität erfordern. Er muss selbst aufpassen, was im Hintergrund passiert und erhält, wenn er aufpasst, viele nette Details. Besonders schön fand ich zum Beispiel, als der Protagonist einen Brief las. Der wurde nicht laut vorgelesen und die Handlung der Episode funktioniert auch ohne, wer aber das Video pausierte, konnte den Großteil des Schriftstückes lesen: (Spoiler Alarm!)

Meine Mutter hat sich umgesichbracht. Als ich nachts schlief, übergoß sie sich mit Benzin und zündete sich im Wohnzimmer an. Sie schrie nicht. Sie verbrannte einfach und danach den Rest des Hauses. Nachbarn bemerkten das Feuer und retteten mich. Mein Vater war wie immer nicht da und als er da war, konnte er keine Hilfe sein.

Ich bin mir sicher, dass, wenn dieser Text wichtig wird, noch einmal in der Serie aufkommen wird, oder dass DeChangeman tatsächlich auf seine Zuschauerschaft zählt und sagt: „Wer es nicht aufmerksam zuschaut, verpasst wichtiges.“ Das kann er sogar machen. Dasist es, was eine durch Fans finanzierte Arbeit auf YouTube ermöglicht: Kreative Freiheit.
Ein ähnliches Konzept fuhr er schon mit Markus Specht, als die Prämisse, das ganze Szenario der Serie, erst nach unzähligen Diskussionen und Theorien wirklich von ihm bestätigt wurde, es aber durch Andeutungen und Anzeichen in der Serie bereits erkennbar war.

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Zum Schluss möchte ich noch auf die Technik eingehen. YouTube ist für die Art von Kunst, die Deborah ist, eine sehr schwere Plattform. Ein 30-Minuten Video ist nichts, was man mal eben auf dem Klo oder in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder Schule anschaut. Es ist eine echte Serie die Aufmerksamkeit von Zuschauer erwartet, aber eben auf YouTube als „Sender“. Bislang blieb DeChangeman der ihm zustehende Erfolg leider aus und die Einnahmen aus YouTube sind Lachhaft, und dennoch schaffte er es, die Qualität seiner Serien mit jedem neuen Projekt aufzubohren, auch Technisch. Der Schritt von „Zoo ohne Tiere“ zu „Unser Vater Markus Specht“ war schon beeindruckend. Doch der Sprung von Markus Specht zu Deborah ist ein völlig neues Level.

Nebeltechnik, beeindruckende Kamerafahrten und großartiger Einsatz von Musik sind nur einige der starken Verbesserungen von Deborah. Doch hier gibt es leider einige Makel. Zum einen fiel die Soundabmischung der Episode etwas daneben. Zum Teil war Uke Bosse zu leise, was zwar zu seiner Rolle passt, mir als Zuschauer das Verfolgen der Handlung aber etwas schwerer machte.
Zu dem erkennt man instinktiv viele Tricks, die das Produktionsteam anwandte. Man erkennt, dass gewisser Nebel aus einer Maschine stammte, und dass dieser Maschinen hinter dem Hügel stehen und der Nebel von Scheinwerfern beleuchtet wurde. Das ist an sich auch völlig in Ordnung und wird oft so benutzt. Aber wenn man das mit Serien wie „Dark“ vergleicht, wirken diese optischen Tricks unbeholfen.
Mir ist natürlich bewusst, dass der Vergleich einer Webserie mit einer Netflix-Produktion sehr unfair wirkt, aber dass nehme ich mir nur deswegen heraus, weil ich denke, dass DeChangeman spätestens mit Deborah gezeigt hat, dass er sich Qualitativ nicht hinter Dark und Co. verstecken muss.

Es war also alles in allem eine hervorragende Eröffnung zu einem möglichen Meilenstein sws Webvideo. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Serie in den übrigen Episoden schlägt, aber ich bin guter Dinge.


Tja, das war sie also, die Review zur ersten Episode. Ich überlge noch, wie ich die anderen Episoden rezensieren soll. Ich denke, technisch wird sich nicht viel innerhalb eines Projektes getan haben, daher denke ich, dass ich eine Zusammenfassung mit meinen Theorien zu jeder Episode erstellen werde, aber das mache ich dann beim nächsten mal.