Übernimmt der Film die Medien?

Ich schreibe in meinen Artikeln sehr oft über Videospiele und ziehe Verbindungen zur Literatur, weil das Medium des Gaming meiner Ansicht nach allen anderen Medien überlegen ist. Das beinhaltet nicht nur den Inhalt des Mediums, sondern auch ihre Möglichkeiten, doch mittlerweile frage ich mich, ob der Film sich nicht doch in die anderen Medien, auch Literatur, eingräbt.

Als der Film seinen Anfang nahm, musste es sich von den bereits etablierten Medien orientieren. Damals war es das Theater. Die Kamera der ersten Filme war statisch und nahm die Position des Publikums ein. Die Vorteile, die der Film, vor allem mit den Möglichkeiten der Kamera hat, mussten erst nach und nach erlernt und entdeckt werden. Und Videospiele befinden sich aktuelle in der selben Position.

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Die ersten Games waren rein auf ihr Gameplay fokussiert. Das Spiel musste funktionieren. Erst nach und nach kam die Thematik einer Geschichte, die durch ein „Spiel“ erzählt werden könnte zum Vorschein. Und wie der Film sich damals vom Theater inspirieren musste, inspirieren sich Videospiele vom Film.
Geschichten in modernen Videospielen richten sich größtenteils akribisch an den bekannten Formeln von Hollywood-Streifen. Das geht sogar so weit, dass selbst Effektr, wie Lens Flares, Tiefenschärfe und der Gleichen, die nur durch eine Kamera entstehen können, in Videospielen Verwendung finden, um ein möglichst „Filmisches“ Erlebnis zu erschaffen. Das führt zum einen dazu, dass der Konsument bekannte Bild-, und Geschichtselemente wieder findet, sich jedoch das Medium Videospiele kaum identifizieren kann; es nutzt nicht die Vorteile des Mediums, die Interaktion.

Wir steuern unsere Figur noch immer durch verschiedene Szenarien, doch sobald die Filmsequenz startet, dem Hauptweg die Geschichte zu vermitteln, wird einem der Controller aus der Hand genommen. Die Interaktivität geht verloren und das Game verkommt zum Film. Und doch machen Videospiele einiges anders als Filme, teilweise sogar besser.
Nehmen wir zum Beispiel das Film-Genre der Western. Hier gibt es unzählige Untergenres wie zum Beispiel der Italowestern. Die Western-Filme bleiben stets in ihrem Subgenre, damit der jeweilige Film und ihre Geschichte funktionieren kann. Videospiele sind solchen Ristriktionen der Film-Genres nicht unterworfen. Nehmen wir hier zum Beispiel das Game „Red Dead Redemption“ von Rockstar Games.
Es gilt als Referenz für Western im Gaming und wechselt mehrmals das Subgenre.
Zu Beginn findet sich der Spieler in einem End-Western wieder und am Ende wechselt das Spiel zum Italowestern. Das ist nicht nur ungewöhnlich, es funktioniert sogar sehr gut. Nicht umsonst gilt Red Dead Redemption als ein Meilenstein der Videospiel-Stories.
Doch egal welche Vorteile Games gegenüber von Filmen haben, Filme stehen Games seit Jahren Pate und Games sind nicht das einzige Medium, die dem Film nacheifern. Literatur wird ebenfalls so langsam von Filmen übernommen.

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Wird Red Dead Redemption 2 wieder day Magnum Opus der Western-Games? 

Je mehr Autorenblogs ich lese, je mehr Tipps ich verinnerliche, desto öfter lese ich, dass man sich jede Szene wiee durch das Objektiv einer Kamera vorstellen soll.
Natürlich bietet Literatur keinerlei optisches Feedback. Was wir mit Büchern erleben, kann nicht „wie durch eine Kamera“ gesehen werden, es sei denn, der Leser stellt sich die Szenen genau so vor.
Egal ob es einem gefällt oder nicht, Bücher verlieren nach und nach an Relevanz. Die Verkaufszahlen fallen, die Jugend liest immer weniger und Bücher sind oft erst dann am erfolgreichsten, wenn sie verfilmt oder zu Videospielen adaptiert wurden. Konsumenten finden sich immer häufiger in Games, Filmen und Serien statt Büchern wieder und das verändert auch die Herangehensweise eines Autoren eine Geschichte zu erzählen, denn auch er ist davon betroffen.

Ein „Dune“ von Frank Herbert liest sich anders als die meisten modernen Bücher. Sätze müssen immer knapper, gefilterter sein. Genau so, wie wir es von Filmen gewohnt sind. Hier ist oft keine Zeit und damit kein Platz für längen. Der Protagonist kann sich jetzt nicht einfach eine Seite lang an die Flora eines Planeten erinnern, um sich meditativ zu beruhigen.
Dieser Wandel innerhamb des Geschichtenerzählens ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen dem Buch „Dune“ und der Film-Adaption von 1984. Es ist kurzer, ja beinahe schon Inhaltsleerer. Und genau das beobachte ich aktuell in Büchern.

Ich lese zur Zeit viel mehr als in meinem ganzen Leben zuvor. Und kaum ein Buch fordert mich mental so sehr heraus, wie es der Erstling der erfolgreichsten Science-Fiction Buchreihe der Welt tat. Hier wird mir nicht nur eine Geschichte erzählt, der ich folgen muss, man präsentiert mir hier ein Universum, dem ich meine gesamte Aufmerksamkeit widmen soll, wenn ich wirklich das Optimum des Werkes erleben will. Doch es funktioniert nicht wie in einem Game.
Dort kann ich, wenn ich will, jeden optionalen Inhalt ignorieren und die Geschichte einfach verfolgen. Wenn ich mehr möchte, so kann ich mich mit optionalen Inhalten tiefer in die Materie begeben. Genau so wie ich es in meiner Rezension von „Quantum Break“ beschrieben habe. Doch ein Buch kann das nicht. Es muss festlegen, was der Konsument erlebt und was man ihm vor die Füße wirft. Eben genau wie in einem Film.

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Game und Serie in einem: Quantum Break! 

Während Bücher dem Leser die komplexesten Geschichten und Universen vermittelten, immerhin basieren ungemein viele Filme und Franchise auf Literatur, waren Filme die abgespeckten, fokussierteren Werke und das war auch okay so. Doch jetzt hat sich die Literatur dem Film angenähert.
Ein philosopisches Science-Fiction Konzept wie Dune würde sich in der heutigen Zeit nicht mehr „Verkaufen“ und jeder Lektor und Testeleser würde auch nur die geringsten Anzeichen einer Herbert’schen Schreibweise mit fettem Rotstift markieren. Zusammen mit der unaufdringlichen Notiz „Kürzen!!!“. Und ja das finde ich sehr schade.

Auf Blogs lesen wir, dass man sich jede Szene wie durch eine Kamera vorstellen soll. Von Lektoren und Testelesern erhalten wir die Aufforderung, kürzer und fokussierter, quasi inszenierter zu schreiben und da frage ich mich: Wenn wir schreiben sollen, wie in Filmen, warum gibt es Bücher dann überhaupt noch zur Unterhaltung?