Was mir Yoko Taro über Kunst beibringt

Wer mich kennt, weiß, dass ich dem Medium „Bücher“ eher kritisch gegenüber stehe. Ich selber schreibe Bücher, mein zweiter Roman erscheint ja auch bald, doch ist es für mich eher eine Art Notlösung, um meine Geschichten zu erzählen, als wirkliche Entscheidung. Die Werke eines Mannes haben mir vor einiger Zeit noch mehr Zweifel an dem Medium Bücher gegeben und darüber möchte ich heute Schreiben.

Tut mir mal den Gefallen und seht euch diese Screenshots an und sagt mir, was diese Gemeinsam haben:

Die Antwort: Sie stammen allesamt von ein und demselben Videospiel ab. Nier: Automata. Nier verkauft sich als:


[…] eine Neuinterpretation des Action-RPG-Genres, die packende Kämpfe mit einer fesselnden Geschichte verbindet. 

-Offizielle Produktbeschreibung

Wer sich also die Beschreibung ansieht und erkennt, wer der Entwickler ist, weiß, was ihn erwartet, oder? Nun, meine ersten Gedanken aus den ersten zehn Minuten sahen ungefähr so aus:

Ja gut, eine Art offenes Bayonetta. Erst mal nichts verkehrtes, so lange- GOTT BEWAHRE! OH GÖTTER, NEIN! WAS IST LOS? WAS GESCHIET- Ich bin tot. Schade.

NieR: Automata verkauft sich als Action-RPG, wie Dragons Dogma zum Beispiel, weiß von dieser Erwartungshaltung und zieht sie dem Spieler schon in der ersten Minute wie einen Teppich unter den Füßen weg. Wir werden nämlich direkt zu Beginn in eine Bullethell-Shooter Sektion, wie man es von Spielen wie Gradius erwartet. Wir steuern zunächst nicht unseren Charakter, den wir nicht einmal selbst erstellen können, sondern ein Raumschiff, mit dem wir unzähligen Geschossen ausweichen und Gegner abballern, ehe sich das Raumschiff als Mech entpuppt und uns in feinster Twin-Stick-Manier Gegner mit einem riesigen Schwert zerteilen lässt.

NieR vereint also nicht nur mehrere Gameplay-Arten in sich, sondern direkt mehrere Genres. Und nicht nur das. Auch die Optik verändert sich stets. Oft ist die Kamera hinter der Spielfigur, aber in regelmäßigen Abständen wechsel die Perspektive zur Seitenansicht oder auch zur Vogel-Perspektive. Und auch im Sound gibt es zu jedem Musikstück eine 8-Bit Variante und auch erweiterte Fassungen, mit mehr Ebenen an Instrumenten. Das ist alles etwas, das mir als Autor von Romanen gar nicht zur Verfügung steht.

Stellt euch mal vor, mitten in einem Jugendroman, wie mein bald erscheinender 2. Roman, wechselt die Perspektive vom Auktorialen Erzähler, zur Ich-Perspektive und dann wieder zurück. Oder von der Gegenwartserzählung zur Vergangenheitsform. Sofort würde der Leser einen Fehler erkennen. Und dabei stellt sich auch die Frage, wie könnte man kurzzeitige Genre-Veränderungen in einem Buch darstellen? Wenn sie nur 1 oder 2 Szenen lang sind, bemerkt der Leser das wohl nicht, es sei denn, der Schreibstil ändert sich schlagartig und drastisch, was dann eher als Fehler als wirkliche Entscheidung erkannt wird, weil ein Autor wird doch niemals etwas geplant tun. Die Möglichkeit, dass der Autor dies aus bestimmten Zwecken tat, kommt so gar nicht erst auf. Und das finde ich als Autor echt schade.

In einer sehr düsteren Zeit meines Lebens, als ich auf Wattpad schrieb, verfasste ich eine übernatürliche Geschichte um einen Jungen, in dessen Verstand unzählige Geister herum…geistern und mit ihm sprechen, weshalb er Ritalin bekommt, weil es ihn und seine Stimmen beruhigt. Und der erste Kommentar von einer Userin war:

EiNe PeRsöHnlIcHkEItSsTöRuNg wIrD nIcHt mIT RiTAlin BeHanDelT!!!11elf

Eine sehr, sehr smarte Wattpad-Userin

Ja, ach ne, Sherlock. Dass ich sogar am Anfang schrieb, was diese Stimmen sind, wird dann erstmal ignoriert. Dass diese Person mich eh hasste, ist dabei nicht mal so wichtig, denn dieses Verhalten ist leider bezeichnend für die Literatur. Ich habe einige Testleser über meinen zweiten Roman drüber lesen lassen und das, was ausschließlich angemerkt wurde, waren bewusste Entscheidungen, den Leser zu verwirren, um Spannung zu erzeugen. Ich erkläre nicht alles sofort, lasse Fragen bis zum Ende offen und möchte dem Leser Fragen entgegenwerfen, die er nicht sofort beantworten kann.

Wenn wir uns wieder den Vergleich mit NieR: Automata erlauben, oder mit Games im allgemeinen, haben wir dort eine völlig neue Form der Plot-Struktur. Wir haben nicht nur die aus Film und Literatur bekannte Struktur einer Heldenreise bzw. der 3-Akt Struktur mit Höhen und Tiefen, sondern auch unzählige Subplots und Erzählformen, die teilweise mit der Handlung kollidieren.

Und dann wäre da eben die festgefahrene Meinung zu Genres. Darf ein Jugendroman am Ende keine übernatürlichen Elemente haben, wenn es diese vorher nicht gab? Es wirkt für mich fast so, als wäre das ein Ding der Unmöglichkeit. Ich mein, als Autor wird man quasi ununterbrochen daran erinnert, dass Leser das Buch abbricht, wenn ihm etwas schleierhaft vorkommt. „Der Anfang wirft zu viele Fragen auf. Ich als Leser würde das Buch an der Stelle weglegen.“ War ein Satz, den ich einige Male gehört habe und nach reichlicher Überlegung, muss ich sagen: Tja, schade.

Ich bin kein Autor, der vom Schreiben leben muss. Ich erzähle Geschichten und orientiere mich dabei nicht am Markt. Ich werde mich in Sachen Erzählweise immer weiterbilden und mich auch trauen, gewisse Elemente einzufügen, die wirken, als würden sie mit dem Genre des Buches nicht zusammenpassen. Mein erstes Werk, dass ich auf diese Art und Weise schreibe, wie ich es von Yoko Taro „gelernt“ habe, ist „Glaube an die Sünde“ und ich bin gespannt, wie das auf euch Leser ankommt!