Leseprobe zu „Glaube an die Sünde“

Die Veröffentlichung meines zweiten Roman „Glaube an die Sünde“ rückt immer näher und jetzt ist es endlich an der Zeit, euch die Möglichkeit zu geben, euch von der Qualität des Buches, die im Vergleich zum Erstlingswerk stark angezogen hat, selbst zu überzeugen. Daher habe ich heute für euch den ungefähr 10-Seitigen Prolog als kleines Leseprobe!

Das Buch Sebastian und Abigail

»Alles ist so winzig an ihm. Ich hatte total vergessen, wie drollig Babys sein können.«
»Er sieht dir so ähnlich«, bemerkte Katharina, die sich auf den Stuhl neben dem Bett setzte. »Wenn er nur einen Funken von deiner Persönlichkeit hat, wird er ein richtiger Zupfer, wenn du ihn stillst.«
Christina grinste und ihre Augen blitzten feucht auf, als sie einige Ähnlichkeiten zum Vater erkannte. Nach einem Kuss auf Sebastians Stirn blickte sie hinauf und lächelte, vergrub ihre Trauer tief in sich.
»Wird Michael kommen?«, fragte ihre beste Freundin. »Ich meine … Sebastian ist sein Sohn.«
»Natürlich ist er sein Sohn. Er hat seine Stirn.« Sie strich mit dem Daumen über die geküsste Stelle. »Ich bete nur, dass sie nicht so groß ausfallen wird, wie bei deinem Vater …«
»Christina …« Katharina griff ihr sanft an das Handgelenk und ein Seufzen entwich den Lippen der frisch gebackenen Mutter.
»Wenn er will, kann er Sebastian jeden Tag sehen. Ich verwehre meinem kleinen Sebbel doch nicht seinen Vater.«
Katharinas Brauen zogen sich zusammen. »Sebbel?«
»Sebbi? Snobby-B? Ich habe viele Spitznamen für ihn auf Lager. Ich hatte neun Monate Zeit für diese wichtigen Mutter-Dinge!«
»Du bist 32. Wo kommen diese lächerlichen Spitznamen einer 12-Jährigen her? Aber ja. Sebbel finde ich süß.«
»Finde ich auch am besten. Wie gesagt: Michael kann ihn sehen. Er soll ihn aber mit seinem Glauben in Ruhe lassen, bis er alt genug ist, sich dafür zu entscheiden.«
»Michael ist jetzt also Mitglied der neuen Jünger geworden?«
Ein weiterer Kuss auf Sebastians Stirn. »Er wollte, dass wir mit Sebbel zusammen zu einer bestimmten Farm fahren und uns dort neu taufen lassen. Aber das will ich nicht. Ich wollte das nie und Sebastian soll es selber wollen. Das gefiel Michael nicht …«
»Ich wollte dich eh seit einiger Zeit was fragen.«
»Ja?« Die Blicke der beiden trafen sich.
»Hat er dich geschlagen? Ich muss es wissen.«
Sofort blickte die Mutter zu ihrem Engel. »Nein! Niemals. Er wurde laut, warf Dinge um, beleidigte mich. Da setzte ich ihn vor die Tür. Mehr ist nicht passiert, ehrlich. Er lässt sich seit drei Monaten nicht mehr blicken. Ich mein … Ich habe ihn geliebt. Tue ich immer noch. Aber dass er sich nicht meldet, ist kein gutes Zeichen, oder?« Auf der Suche nach einem letzten Funken Hoffnung auf eine glückliche Beziehung mit Michael, blickte sie zu ihrer besten Freundin, doch ihr Gesichtsausdruck ließ jeden Wunsch nach Hoffnung ersticken.
»Nein. Ich denke, dass mit euch ist vorbei. Er hat sich erst gegen eine kirchliche Hochzeit gestellt und wird dann plötzlich so extrem religiös, als er seinen Job verliert? Etwas hat sich in ihm verändert.«
Christina küsste Sebastian erneut, als ihre Tränen der Trauer sein Gesicht benässten. »Dann bleibst nur noch du mir, mein kleiner Sebbel. Oh Gott, ich klinge wie so eine Helicopter-Mom.«
»Ich mein, egal wie religiös er jetzt ist, er hat es verdient, seinen Sohn trotzdem zu sehen. Und Religion kann auch gut sein.«
Christina blickte hoch und wischte sich über das Gesicht. »Ach? So gut wie der Pfarrer?«
Ihre Freundin atmete durch. »Ein Themenwechsel? Okay. Er ist verheiratet, Christie.«
»Und das stört dich, oder?«
»Es kriselt zwischen ihm und Deborah.«
»Woher weißt du das?«
Katharina presste die Lippen zusammen. Anders als erwartet, zeigte ihr Gesicht keine Freude, sondern Besorgnis. »Laut MacDaniel vom Sheriffs-Department hat sie ein Problem mit ihrer Tochter.«
»Warte!« Christina richtete sich etwas auf und stabilisierte mit dem Arm ihren Sohn. »Sie hat doch erst das Kind bekommen, oder nicht? Wie heißt die Kleine noch gleich?«
»Abigail.« Katharina schaute kurz zur Tür und beugte sich zu Christina vor. »Es ist nicht ihr Kind. David hat sie … gefunden.«
Christina lachte höhnisch auf. »Wie kann man bitte ein Kind finden?«
Katharinas Blick spiegelte durch die gesenkten Mundwinkel trauer wieder. »Die Kirche in Qeijot, du erinnerst dich?«
»Ja klar. Hat David ja vererbt bekommen.«
»An seinem ersten Abend als Pfarrer lag das Baby auf den Stufen und David fand die Kleine, als hätte jemand gewartet, um sie an der Kirche abzulegen.«
Christinas Augen weiteten sich und die legte ihre Hände sanft an Sebastians Ohren. »Ach du Scheiße …« Sie löste ihre Hände.
»Er rief mich sofort an, da ich noch im Kinderwohlfahrt-Büro war und ich nahm ihren Fall auf. Wir haben ihre Eltern gesucht, aber nicht gefunden und …« Sie seufzte. »Er sah es als seine von Gott gegebene Pflicht an, sie zu adoptieren. Es war ein Zeichen des Herren, wie er sagte.«
»Als Pfarrer hat er wohl gute Karten gehabt, das Kind zugesprochen zu bekommen, oder?«
Mit schräg gelegtem Kopf lehnte sich Katharina zurück. »Na ja. Das mit dem Pfarrersein ist so eine Sache. Er bekam die Kirche vererbt, weil seine Vorfahren sie hier in Minnesota gebaut haben. Die erste Kirche in Qeijot. Eine der ältesten im Staat. Aber David war kein Pfarrer. Er bekam die Ausbildung samt Master of Divinity von der lutherischen Kirche bezahlt, aber eben nur aus Not. Sie wollten wohl keine so traditionelle Kirche ohne Pfarrer haben. So hat er es mir zumindest erklärt.«
Christina ließ den Mund geöffnet. »Oh mein Gott. Darüber redet er mit dir? Läuft da schon was zwischen euch?«
»Nein, nein!«, rief Katharina mit erhobenen Händen. »Er ist die treuste Person, die ich kenne. Er würde sich eher anzünden, als seine Ehefrau zu betrügen. Außerdem ist er nun Teil meiner Arbeit und damit für mich ein Klient.«
»Verstehe. Sehr gut, das ist die richtige Herangehensweise.«
»Sie haben die Kleine adoptiert. Jeder denkt, Deborah war während des Studiums, als sie David begleitet hatte, schwanger geworden.«
Mit dem Zeigefinger stupste Christina Sebastian gegen seine niedliche Nase. »Jetzt sind es zwei Babys. Ein Mädchen und ein Junge. Tja, Sebbel. Du wirst sie wohl heiraten müssen!«
Katharina rollte mit den Augen. »Helicopter-Mom Christina …«
»Das alles mit Abigail klingt fast wie eine Verschwörung … und Deborah mag das Kind nicht?«
Verzweifelt wirkend, zuckte Katharina mit den Schultern. »Das will ich auch nicht sagen. Aber bei meinen Besuchen hat sie das Kind nie beachtet. Nie auf dem Arm gehabt und es wirkte eher wie Inventar für sie. Oder wie ein Haustier. Nur David hat sich mit ihr beschäftigt.« Sie lächelte. »Aber er war dabei sehr süß zu ihr. Und einige Aussagen von ihr … ach egal. Das darf ich eigentlich nicht sagen.« Sie knabberte an ihrem Daumennagel, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte.
»Sie muss sich dran gewöhnen, Kathi«, riss Christina ihre Freundin aus den Gedanken. »Sie hat das Kind nie unter ihrem Herzen getragen. Es war urplötzlich da und sie muss die Verbindung erst aufbauen.«
»Ja. Ich hoffe, du hast recht.«
Plötzlich verzog Sebastian sein Gesicht und quengelte.
Christina schmunzelte. »Er sieht aus wie eine alte Pflaume!« Und das Baby fing an zu weinen. Christina riss die Augen auf. »Das … meinte ich doch als Kompliment, Sebbel. Eine süße Pflaume!«
Katharina nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase. »Jap. Er hat dir ein Geschenk in der Windel hinterlassen.« Sie stand auf und griff sanft nach dem Baby. »Ich mache das. Bleib du noch liegen und schlaf, okay? Die Geburt verlief alles anderes als bequem, du musst dich ausruhen.«
»Vielen Dank.« Christina überreichte ihr das Baby, folgte ihm mit einem letzten Blick.
Erst als Katharina den Raum verlassen hatte, konnte sich Christina durchringen, zu schlafen. Ihre Gedanken ruhten bei Sebastian, wie sie es in den nächsten Jahren sein würden.

Sebastian wärmte Katharinas Arm. Er sah zwar noch quengelig aus, doch seine Niedlichkeit verzauberte sie sofort. Niemand würde ihm ansehen, wie problematisch die Geburt lief. Es musste spontan ein Kaiserschnitt eingeleitet werden, als sich die Nabelschnur um den Hals dieses kleinen Würmchens gewickelt hatte. Christinas Gesichtsausdruck, als der Arzt ihr davon berichtete, würde Katharina nicht so rasch vergessen. Die Tränen einer Mutter waren die bittersten, erkannte sie zu diesem Zeitpunkt.
Während sie auf dem Weg zur Toilette und dem dazugehörigen Wickeltisch den breiten, lichtdurchfluteten Flur des Krankenhauses entlanglief, wurde Katharina von vorbeilaufenden Personen, meist Frauen, angelächelt. Sebastian verzauberte ohne Probleme jeden. Jetzt erahnte sie, wie es sich anfühlen musste, Elternstolz zu fühlen. Mit diesen Gedanken machte sich die Trauer über ihre Unfruchtbarkeit breit. Als sie Sebastians Nase streichelte, hoben sich ihre Mundwinkel wieder. Das Überwinden dieser Erinnerung fiel ihr unerwartet leicht.
Im Badezimmer legte Katharina ihn auf den Wickeltisch mit Bärchenmuster und wechselte ihm die Windel. Sofort strahlte er und Katharina wollte ihn direkt an ihr Herz drücken.
Als neben ihr die Tür aufging, drehte sie sich um und blickte in die braunen Augen von Michael. Ehe Katharina sich versah, durchzog, ausgehend von ihrem Bauch, ein heißer, stechender Schmerz ihren gesamten Körper. Sie verlor die Kontrolle über ihre Muskeln und sank unsanft zu Boden. Im Augenwinkel erkannte sie ein schwarzes Gerät in Michaels Hand und als er sie damit erneut angriff, krampfte sie. Es war ein Taser.
Katharina sah nichts, hörte nur Rauschen und alle Muskeln in ihrem Körper brannten, während sie sich in ungeahnter Agonie zusammenzogen. Ihre Beine schlugen hemmungslos aus und stießen gegen die Wände, während ihr Kopf immer wieder auf den Boden prallte, ehe sie das Bewusstsein verlor.
»Hey, hören Sie mich?«, rief ihr eine warme, weibliche Stimme zu und Katharina öffnet die Augen, wurde sanft aufgesetzt. Sie spürte noch, wie einzelne Muskeln zuckten und ihr Herz raste. Mit Mühe und Not konnte sie das Wort »Baby« hervorpressen und die kräftige Frau blickte hinauf zum Wickeltisch und zu Katharina.
»Da ist kein Baby!«
Diese Antwort ließ mit einem Mal jeden Muskel in Katharinas Körper erschlaffen. Sie vergoss Tränen und sofort eilte die Frau hinaus. Ihre dumpfe Stimme rief um Hilfe und mehrere Krankenschwestern und ein Mann vom Sicherheitsdienst traten in den winzigen Vorraum des Badezimmers ein. Als Katharina versuchte aufzustehen, gaben ihre Beine nach und sie sank erneut zu Boden.
Der Mann vom Sicherheitsdienst fragte, was passiert sei und Katharina konnte endlich mehr sagen.
»Michael Cobb hat das Kind von Christina Geoffroy genommen. Er hat einen Elektroschocker!«, presste sie hervor.
Der Mann rannte sofort hinaus und zwei Krankenschwestern halfen Katharina auf.
»Zimmer 028. Da ist die Mutter«, sagte Katharina, während sie langsam die Flure der Station entlangliefen. Mittlerweile wirkten die lichtdurchfluteten Flure wie finstere und enge Korridore.
»Wir müssen Sie erst untersuchen«, erwiderte eine der Schwestern und betrat mit ihr einen Untersuchungsraum.
»Sagen Sie ihr Bescheid!«, befahl Katharina, ehe ein Arzt hereinkam und sie untersuchte.
Während der Prozedur waren ihre Gedanken bei dem Würmchen Sebbel und bei Christina, die kurze Zeit später in einem Rollstuhl den Raum betrat.
Sie war blass und zitterte.
»Kathi? Was ist passiert?« Sie hielt sich den schmerzenden Bauch, als sie aufstehen wollte.
»Michael hat Sebastian. Er hat mich überfallen.«
»Sie wurde angegriffen. Mit einem Elektroschocker«, sagte die junge Krankenschwester.
Der Arzt wandte sich an Katharina. »Sie haben einige Blutergüsse an Kopf und Beinen. Wenn ihnen übel wird oder Sie sich sogar übergeben müssen, dann sagen Sie uns bitte Bescheid. Wir lassen Sie sich jetzt erst einmal ausruhen und besprechen die Situation währenddessen mit unserem Sicherheitsdienst und der örtlichen Polizei, die auch noch mit Ihnen reden wird.«
Katharina zitterte und weinte. »Es tut mir leid, Christina.«
»Er ist weg …«, sagte die Mutter und blickte ungläubig und mit aufgerissenen Augen umher. »Er hat mir mein Baby genommen!« Ihre Hand wanderte zu ihrem Mund, aus dem nur noch stumme Schreie hervorkamen.
»Sie werden ihn finden! Sie haben überall Kameras. Ich rufe gleich auf der Arbeit an und wir werden helfen.«
»Wenn er ihm etwas antut, dann …«
»Es tut mir leid, Christina.« Sie umarmte ihre beste Freundin, während die Schulter feucht wurde.