Nein, du brauchst keinen Lektor

Mein erster Artikel seit einigen Monaten und dann direkt so ein Brecher. Doch ich meine es ernst und erkläre euch, warum ihr keinen Lektor braucht, wenn ihr ein Buch schreiben und veröffentlichen wollt.

Viele, die mit dem Schreiben anfangen und sich im Internet informieren, zum Beispiel auf Blogs wie diesem, die bekommen sehr oft eine Art „To-Do-Liste“ an die Hand, die erklärt, wie man einen Roman am besten angehen könnte. Darin steht dann meist:

  • Figuren entwickeln
  • Plot entwickeln
  • Figuren anpassen
  • Plan erstellen
  • Schreiben
  • Pause
  • Überarbeiten
  • Überarbeiten
  • Überarbeiten
  • Testleser beauftragen
  • Lektor beauftragen
  • usw.

Und an sich ist diese Liste durchaus zu gebrauchen. Doch beim Punkt „Lektor beauftragen“ spaltet sich die Autoren-Gemeinde. Die einen sagen, ein Lektorat sei nicht zwingend notwendig. Die anderen sagen, es sei die Pflicht des Autors gegenüber dem Leser ein Lektorat zu nutzen. Zwischen diesen beiden Extremen ist alles vertreten. Und meine Meinung? Ein Lektorat ist eine gewaltige Hilfe aber keine Pflicht.

Wenn Künstlersein kostet

Jeder anfangende Autor sollte sich eines klarmachen: Die wenigstens können vom Schreiben von Büchern leben. Wer also ein lektoriertes Buch veröffentlichen will, muss tief in die Tasche greifen. Im Schnitt kostet ein Lektorat 5 € pro Normseite. Bei Büchern mit 300 Seiten wären das zum Beispiel 1.500 €. Oft einigt man sich auf eine Ratenzahlung, aber für Leute mit geringem oder gar keinem Einkommen ist auch eine Ratenzahlung vielleicht zu viel.

Und da fängt die Problematik für mich an, wenn Leute nach der Pflicht eines Lektorats schreien.

Ohne Lektorat schädigst du dem Ruf aller Self-Publisher!

-Eine besonders besorgte Autorin

Das war einer der Vorwürfe, die ich an den Kopf geworfen bekam, als ich verkündete, das mein zweiter Roman kein Lektorat erhalten wird. Und trotz des Fehlens eines Lektorats, verkaufte sich mein 2. Roman deutlich besser als der erste und kam durchaus auch gut an:

Ich fand es sehr spannend und interessant.

Ich kam sehr gut rein und kam auch gut voran.

Mir gefiel das Buch und ich kann es nur weiterempfehlen

-Amazon-Rezensent

Und solche Beispiele von unlektorierten Werken mit Erfolg gibt es viele. Aber was mir besonders aufstößt, ist die Druck-Situation von einkommensschwachen Autoren. Wie gesagt, ein Lektorat geht schnell in die 4-Stelligen Beträge und das kann für viele zu viel sein.

Stellt euch mal vor, ihr seid zum Beispiel ein Frührentner, der in der Grundsicherung lebt. Eure Zukunftsaussichten sind katastrophal und eure Motivation sinkt mit jedem weiteren Tag, den ihr so leben müsst. Ihr habt Einschlafprobleme, da ihr die Gedanken über eure Zukunft nicht abschalten könnt. Ihr verliert die Motivation, die Wohnung zu verlassen und schottet euch immer mehr ein. Ich mein, was wollt ihr draußen denn machen? In Clubs gehen? Das könnt ihr vergessen. Ihr könnt euch die Getränke dort eh nicht leisten. Auch ein Kino-Besuch ist teuer. 15 € für ein Ticket? Davon könnt ihr fast eine Woche leben! Und Hobbys? Da gibt es nicht so viel, was nichts oder nur wenig kostet. Ein Fitness-Studio? 50 € Anmelde-Gebühr. Buch-Clubs? Ein Sozial-Ticket kostet 40 €. 10 % von dem, das ihr zum Leben habt. Dann fangt ihr plötzlich an, euren uralten PC, den ihr vor Monaten für 50 € von Ebay-Kleinanzeigen gekauft habt, mit kaputtem Gehäuse und fehlender Grafikkarte, anzuschalten und das Schreibprogramm, nicht Word, sondern ein kostenloses, dass ständig abstürzt, zu starten und ihr fangt an zu Schreiben. Ihr tippt die Worte, die aus eurem Geist heraussprudeln, wie wild ein und erschafft eine Geschichte, die seit Jahren in euch rumort und endlich rauskommt. Ihr empfindet wieder Freude in eurem Leben und habt wieder Spaß! Ihr überarbeitet die Geschichte wieder und wieder. Ihr gebt sie mehreren Testlesern und schafft es, euch ein relativ kostengünstiges Cover von einer aufstrebenden Studentin zu sichern und dann gehst du auf Amazon und klickst auf „Veröffentlichen“. Und dann kommt jemand und schreibt:

Was?! Kein Lektor im Impressum angegeben? Also kein Lektorat? Was für eine Arme-Schlucker-Scheiße! Fick dichfick dich und deine Mutter du Huhrensohn.

Nun, alles bis auf das Zitat, das habe ich frei erfunden, ist mir tatsächlich so passiert. Und dennoch habe ich auf „Veröffentlichen“ geklickt und bin mittlerweile Autor von zwei Romanen.

Es gibt viele Hürden, die man bewältigen muss, wenn man ein Buch veröffentlichen will. Man braucht ein Cover, Testleser, muss sich für eine Vertriebsplattform entscheiden, muss Zeit für das Schreiben finden, eine Handlung planen und so weiter. Diese Hürden sind nicht optional, sie sind Pflicht. Und dann kommt das Lektorat und reißt die ein gewaltiges Loch in deine Finanzen und damit in deine Lebensqualität. Muss diese zusätzliche Hürde sein? Nein.

Klar, einige sagten mir, dass ich ja nicht veröffentlichen muss! Ich kann ja auch gerne auf Wattpad posten. Das mag für viele der richtige Weg sein, aber es gibt einen Unterschied, ob du einen 300-Seitigen Roman plottest, planst und schreibst oder ob du eine Geschichte auf Wattpad veröffentlichst. Der große Vorteil von Wattpad ist die Freiheit. Niemand erwartet ein Lektorat auf Wattpad. Dort bekommt man viel offener Feedback. Aber wenn man über Monate einen Roman geschrieben hat und sich wirklich den Arsch aufgerissen hat, dann ist es von Grund auf legitim, einen kleinen Betrag dafür zu verlangen. Ich mein, 3 € oder 10 € für eine gute 300 Seiten Geschichte ist spottbillig. Und wie gesagt: Man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht davon leben können. Aber dass man einen Preis für sein Buch verlangen kann, ist ein Segen für das Selbstbewusstsein. Und dann darf man das nicht machen, weil man das Buch nicht lektoriert hat?

Eine optionale „Quality of Life“ Dienstleistung

Klar, eine Grundqualität sollte im Buch enthalten sein. Und ein Lektorat ist ein wahrer Segen für das Schreiben. Aber es ist eben nur optional. Ein guter Lektor hat eine unglaubliche Expertise und analysiert das Buch auf eine Ebene, die der normale Leser so vielleicht gar nicht mitbekommt. Ich arbeitete schon mit Lektoren zusammen und habe daher ein relativ gutes Bild davon. Nur muss man sich eines klarmachen: Die Arbeit, die einen professionellen Lektor von einer Gruppe Testlesern unterscheidet, ist für den normalen Leser kaum wahrnehmbar.

Eure Zielgruppe ist in den meisten Fällen keine Lektoren, sondern normale Leser. Wenn ein Lektor ein Buch liest, dann hat er oft das „Problem“, dass er seinen Expertisen-Blick nicht abschalten kann. Das gibt es in vielen berufen. Er wird womöglich bemerken, ob ein Lektorat genutzt wurde oder nicht. Aber für das, was normale Leser bemerken, reichen auch Testleser. Nicht einer, nicht zwei. Mindestens drei aus verschiedenen Zielgruppen. Möglichst divers und möglichst belesen. Denn sie achten nicht nur auf das, was Leser bemerken würden, denn sie sind selber Leser, sondern achten aufgrund eurer Bitte zum Testlesen auf mehr. Nicht so viel wie ein Lektor, auf keinen Fall aber genug.

Ich bin gegen die Meinung einiger Kolleginnen und Kollegen, dass Autoren ein Lektorat brauchen oder zumindest im Buch angeben sollen, wenn kein Lektorat genutzt wurde. Das verursacht eine Zweiklassen-Gesellschaft im Self-Publishing, die einfach nicht notwendig ist. Menschen in der Grundsicherung, dem Existenz-Minimum, werden eh schon als Zweite-Klasse behandelt und das sollte niemals in der Kunst Einzug erhalten.

Ein Lektorat nimmt dir viel Arbeit ab. Du musst weniger überarbeiten, brauchst nicht zwingend viele Testleser und hast alles in allem etwas weniger Arbeit und einen kompetenten Ansprechpartner. Aber einem Autoren zu sagen, er dürfe mit seinen 300-Seiten kein Geld „verlangen“, obwohl er vielleicht sogar mehr Arbeit reingesteckt hat, da er weiß, dass er sich kein Lektorat leisten kann, ist eine Ansicht, die ich unter keinen Umständen unterstütze.

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