[Kolumne] Das Recht der Meinungsäußerung auf Twitter

Ich weiß, wie ironisch das klingt, dass ausgerechnet ich eine Kolumne dazu verfasse, wie schlimm und unhöflich Twitter in den letzten Monaten geworden ist. Ich habe nicht vergessen, wie ich in völliger Rage andere Twitter-User aufs übelste Beleidigt habe und noch immer bereue ich es. Nicht nur aus Perspektive meiner gewählten Religion, dem Buddhismus, sondern auch als Autor und Mensch. Dennoch beobachtete ich in den letzten Monaten eine Veränderung auf Twitter, die mir ein kaum erfassbares, unangenehmes Gefühl der Fremdscham bereitete.

Ich möchte hier niemanden Verurteilen. Ich habe Fehler auf Twitter gemacht, viele andere tun das auch und es bedeutet nicht, dass man ein schlechter Mensch oder der Gleichen ist, nur weil einem ein Fehler passiert. Dennoch ist die schiere Masse an unhöflichem Verhalten auf Twitter in letzter Zeit gerade zu explodiert. Ganz frisch ist die Sache um die YouTuberin, Autorin und Publizistin »Kitthey«, welche sich auf Twitter gegen eine Verwendung von Triggerwarnungen aussprach. Triggerwarnungen sind, für die, die es nicht wissen, Warnungen vor Szenen, die bei Menschen mit traumatischer Vorbelastung zusätzlich belasten können, da sie ihre erlebten Traumata wieder aufleben lassen können.
Dazu zählen Szenen über sexuellen Missbrauch, Mord und Selbstmord.
Doch Kitthey äußerte sich nicht nur kritisch gegenüber einer Triggerwarnung, sondern goss zusätzliches Öl ins Feuer, in dem sie in einem Tweet ganz schlicht »r a p e« schrieb und ihre Kritiker als »Linksextreme SJW« bezeichnete. »SJW« bedeutet »Social Justice Warrior« und »ist ein abwertender Begriff für eine Person, die sich für sozial fortschrittliche Ansichten einsetzt, einschließlich Feminismus, Bürgerrechte und Multikulturalismus.« (Quelle: Wikipedia)

Oft wird dieser Begriff für Menschen genutzt, die sich sehr offensiv bemühen, ihre Ansichten zu vertreten. Oft bezeichnet als »Selbstverherrlichend« und »Scheinheilig« (Zitat: Scott Seliskers »The Bechdel Test and the Social Form of Character Networks«).
Das Thema »Triggerwarnungen« hat mich eine ganze Zeit lang beschäftigt. Ich selber hatte Probleme damit, was als Trigger angesehen werden kann und habe mehrmals darüber geschrieben, sowohl auf dem Blog als auch auf Twitter. Am Ende entschloss ich mich dazu, Triggerwarnungen nicht zu nutzen, dafür aber kritische Themen im Klappentext organisch einzufügen. Daher war auch Kittheys Ansicht keine neue für mich, da auf der Plattform mit dem blauen Vogel nahe zu jede Ansicht zu nahe zu jedem Thema existiert und dir ungefragt vor den Kopf geworfen werden kann.

Twitter ist eine großartige Plattform, um seine Meinungen zu äußern und andere Ansichten zu finden. Tweets sind kurz, maximal 280 Zeichen, und werden teils im Minutentakt gepostet. Dennoch besteht die sogenannte »Bubble-Gefahr«. Also die Gefahr, nur den Leuten auf Twitter zu folgen, die deine eigenen Ansichten ebenfalls vertreten. Dadurch werden andere Ansichten zwangsweise aus deiner Timeline gedrängt. Das große Problem ist, dass es Leuten schwer fällt, andere Meinungen zu Teilen und sie in die Timeline ihrer Follower zu bringen. Dadurch entsteht eine gefilterte »Blase«. Man sieht nur das, was man selber befürwortet und fühlt sich in seinen Ansichten bestärkt, da man nur Leute trifft, welche die gleiche Ansicht teilen. Und wenn doch mal eine andere Meinung geteilt wird, dann nur, um sie seiner Followerschaft vorzuwerfen. So geschah es auch mit Kitthey.
Während ihre übrigen Tweets im Schnitt zwischen 10 und 25 Antworten haben, bekam ihr »r a p e«-Tweet über 250 Antworten. Leute waren, zu Recht, von ihren Tweets schockiert und das führte zu einer unverhältnismäßigen Attacke auf sie.
Man muss sich einmal vor Augen führen, um was für Zahlen es sich hier dreht. 250! Innerhalb kürzester Zeit bekommt sie über 250 Mitteilungen auf Twitter darüber, wie sehr sie sich »zum Hampelmann« mache oder wie sehr sie sich »Schämen« solle. Während das noch als gerechtfertigte Kritik wahrgenommen werden könnte, kamen auch Tweets hinzu, welche die werdende Mutter fragten, was sie tun würde, wenn ihr Kind »vergewaltigt werden würde« und ob es nicht besser gewesen wäre, »wenn sie verhütet hätte«.

Das alles mit über 250 Tweets, die ihr ungefragt Kritik an den Kopf werfen ist für viele Menschen einfach zu viel. Stellt euch vor, ihr steht in einer Halle, um euch herum 250 Menschen die euch solche Dinge an den Kopf werfen. Nur weil die Worte geschrieben, statt gesprochen sind, mindert das nicht ihre Wirkung. Ja, auch ich teile nicht ihre Ansicht, doch habe ich erkannt, dass ich nichts dazu beizutragen könnte. Und dieses Denken scheint vielen Twitter-Usern zu fehlen.

Jeder scheint diesen Drang zu spüren, seine eigene Meinung ungefragt mit jedem teilen zu müssen. Natürlich darf jeder seine Ansichten teilen. Das ist die Meinungsfreiheit. Doch gibt sie nicht das recht, unhöflich zu sein.
Wenn eine Person, oder Zehn Personen schreiben, dass eine fehlende Triggerwarnung unsensibel gegenüber von betroffenen ist, reicht das doch aus, oder nicht? Wo Ändert sich an der Grundaussage etwas, wenn du sie 250 Mal hörst? Was ändert es, wenn man sich wünscht, das Kind der werdenden Mutter würde nicht existieren? Warum muss man es Retweeten und mit

„trauma-betroffene: bitte trigger warnungen vor trauma themen, danke! 🙂
luna: trigger warnungen sind für linksextreme sjw‘s
trauma-betroffene: o-oh, aber—
luna: r a p e“

Kommentierten und der eigenen Blase vorwerfen? Was beinhaltet dieser und viele andere Tweets, was nicht schon dutzende male eingeworfen wurde? Was trägt es dazu bei? Sichtbarkeit für eine kritische Ansicht und fehlerhaftes Verhalten, das zu noch mehr, gleichen Antworten führt. Mehr nicht. Das ist in meinen Augen ein furchtbar unhöfliches Verhalten auf Twitter, das so keinen Einzelfall darstellt. Klar, bei Tweets, die jemanden aufbauen sollen, da er zum Beispiel krank ist, sind mehr antworten Hilfreich. Viel hilft Viel. Das ist ein positiver Effekt. Doch ist es unheimlich schädlich für die eigene Psyche und das Selbstwertgefühl, wenn dieser Effekt ins Negative umschlägt. Das Recht der Meinungsäußerung ist unumstößlich. Doch der Drang danach sollte niemals einen anderen Menschen schaden. Rechte sollten nicht eingesetzt werden, um schaden anzurichten. Wenn ich einen Tweet sehe und eine andere Meinung habe, mach ich mir bewusst, wie meine Meinung genau aussieht und schaue in den Antworten des Tweets dran, ob meine Meinung da schon zu genüge vertreten wurde. Erst dann antworte ich darauf. Und ihr?