Colitis und Corona

Die ganze Welt redet seit Monaten über den Coronavirus. Und ich kann verstehen, wenn man über dieses Thema nichts mehr hören will. Doch möchte ich hier einen relativ individuellen Blick auf die Pandemie werfen. Denn man hört immer wieder wie schwierig diese Zeit für Menschen am Existenzminimum ist. Oder wie schwer diese Zeit für Familien ist. Und ich möchte meine Probleme nicht über die der anderen heben, aber ich möchte zumindest, dass man meine Probleme auch Wahrnimmt. Daher hier die Antwort auf die Frage: wie ist die Corona-Pandemie mit Colitis ulcerosa?

Ein Teil ist einfach…

Als jemand, der schon seit über 7 Jahren mit einer chronischen Darmentzündung leben muss, habe ich mich daran gewöhnt, nicht zu jedem Zeitpunkt meines Lebens soziale Kontakte pflegen zu können. Ich muss und kann nicht einfach mal so hinausgehen und mich mit Freunden spontan treffen. Dementsprechend war es für mich keine große Umgewöhnung, als ich nicht mehr einfach so hinausgehen konnte.

Wobei ich aber sagen muss, dass der Verlust der potentiellen Möglichkeit durchaus ein Unbehagen in mir auslöste. Denn ich hatte immer wieder Termine, für welche ich mit den öffentlichen Nahverkehr reisen musste. Zu der grundlegenden Angst, dass mir unterwegs übel wird oder ich gar zusammenbreche, kam nun eine allumfassende Angst vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus hinzu. Doch hat sich diese Angst über die Zeit gemindert. Das regelmäßige Händewaschen und das Tragen einer Maske reduzierte die Angst vor der Ansteckung gewaltig. Das war also nicht das Problem.

…ein Teil ist schwer

Der schwierigste Teil dieser Krise, war nicht das Bus und Bahn fahren. Sondern die Einschränkung in meinem normalen Leben. Einer der schwierigsten Situationen für mich war immer das Einkaufen. Lange Schlangen haben bei mir für Unruhe gesorgt, und sorgten auch oft dafür, dass ich Waren mitten in der Schlange einfach auf den Boden legte und den Laden verließ, wenn ich auf Toilette musste. Das kam zum Glück nur selten vor. Doch während der Pandemie wurde das alles viel, viel schlimmer.

Durch die Abstandsregeln wurden die Schlangen vor den Kassen deutlich länger. Zudem hatte ich das Gefühl, dass die Hemmschwelle zum Öffnen einer zweiten oder gar dritten Kasse, während der Pandemie, deutlich höher lag. Das dann in den ersten Wochen so gut wie jedes Grundnahrungsmittel über Wochen vergriffen war, machte das Einkaufen auch nicht einfacher. Während der ersten drei Wochen der Pandemie habe ich garantiert Waren im Wert von weit über 100 € mitten in der Schlange einfach auf dem Boden legen müssen. Und dabei war das Einkaufen erst der Anfang.

Zu einer chronischen Krankheit gehört es auch, regelmäßig zum Arzt zu gehen. Da dieser aber in einem völlig anderen Stadtteil seine Praxis hat, muss ich wieder mit dem öffentlichen Nahverkehr reisen. Dass das nur anfangs ein Problem war, habe ich ja schon erzählt. Doch war das nicht das einzige Problem. Durch die von der Bundesregierung aufgegebenen Auflagen, waren Arztbesuche ein deutlich anstrengenderer Prozess für mich geworden. Mein Arzt hatte z.b. ein zweites Wartezimmer eingerichtet. Vor der Praxis. Dort musste man bis zu 40 Minuten warten, bevor man in die eigentliche Praxis konnte, und das alles ohne eine Toilette.

Bis heute sind für mich Arztbesuche immer ein Abwägen von Risiko, Stress und „Belohnung“. Und es kam leider oft genug vor, dass ich dann lieber auf wichtige Medikamente verzichtet habe, statt mich dem Stress auszusetzen und eine Panikattacke zu riskieren. Was natürlich weit weg von optimal ist. Das alles klingt einzeln betrachtet relativ harmlos. Ein Unbehagen beim Bus und Bahn fahren. Stress beim Wartezimmer des Arztes. Oder Stress bei langen Schlangen an der Kasse. Doch zusammengenommen wird aus vielen kleinen Problemen ein wirklich großes. Es gibt nur noch wenig, was ich an einem normalen Tag tun kann, ohne irgendwelchen Stress oder Angst ausgesetzt zu sein.

Das Einkaufen wird anstrengend. Das Bus und Bahnfahren wird anstrengend. Und Besuche beim Arzt werden anstrengend. Am Ende ist das einzige und das Beste was ich tun kann, zu Hause zu bleiben. Und das ist sogar noch das Beste, was man generell in dieser Pandemie tun kann. Und das traurigste daran ist, dass man mir dabei nicht mal helfen kann. Klar, würden 150 € mehr im Monat helfen. So wie es z.b. Familien pro Kind für 2 Monate bekommen. Doch auch das würde meine persönlichen Probleme nicht beheben.

Mir geht es in diesem Artikel um vor allem zwei Dinge: zum einen möchte ich mich über den Stress auskotzen und zum anderen möchte ich auch zeigen, dass in der Pandemie eben nicht allen geholfen wird. Es gibt Leute, die werden gnadenlos übersehen. Geld würde mir dabei nur bedingt helfen. Klar, fehlende Lebensmittel von günstigen Eigenmarken könnte ich so ausgleichen. Doch ist das eben nicht mein größtes Problem. Ich weiß nicht mal, was passieren würde, wenn sie der Pandemie zu lange andauert. Geschweige denn was „zu lange“ in diesem Kontext überhaupt bedeutet. Ich weiß nur, dass ich mich in dieser Pandemie verlorener fühle, als jemals zuvor in meinem Leben.