Tag 4 des Retreats

Eines meiner größten Probleme als Mensch, ist mein Zorn. Ich werde sehr schnell wütend und werde dann sehr unausstehlich. Und auch das möchte ich während des Retreats angehen. Und habe den ersten Schritt getan.

Wann immer ich besonders wütend werde, was leider zu leicht passiert, gebe ich Dinge von mir, die ich nicht von mir geben will. Sachen, die nicht mit mir als Person zu tun haben. Und die mich für Außenstehende als Person darstellen lassen könnten, die ich selber nicht ausstehen könnte.

Meine jähzornigkeit ist schon immer ein Teil von mir gewesen. Schon in jungen Jahren wurde ich sehr schnell wütend, was zum Großteil an der permanenten Überzuckerung lag, da es Jahre dauerte, bis man bei mir die Diabetes feststellte. Daher war ich immer sehr hippelig und äußerst nervös. Das passiert nun mal, wenn der Blutzucker permanent zu hoch ist. Und diese Aggressivität, die damit einherging, hat sich bei mir nach über 10 Jahren der permanenten Überzuckerung in meinem Charakter etabliert.

Doch werde ich bei sowas nie handgreiflich. Ich lehne jede Form der Gewalt ab. Ich bin ein Pazifist und daher war es noch nie in meinem Sinne, jemanden weh zu tun, sofern er mich nicht selbst bedroht. Wenn ich also aggressiv werde, war ich immer der Typ, der durch Beleidigungen jedwede Grenze des Anstandes eingerissene hatte. Und das ist ein echtes Problem.

Schon in meiner Schulzeit attestierte mir meine Klassenlehrerin ein Talent dafür, herauszufinden, was Leute besonders hart trifft und sie dementsprechend auch effektiv zu beleidigen. Und dieses „Talent“ bringt mir einfach gar nichts. Im Gegenteil: es schadet mir sogar, wenn ich aggressiv werde und Leute persönlich beleidige.

Das passiert besonders häufig bei Frust. Und da muss ich dran arbeiten. Meinemein Psychologin riet mir des öfteren, mich aktiv der Frust auszusetzen, um mich an dieses Gefühl zu gewöhnen. Das ist ein Gefühl der Machtlosigkeit, welchem ich eben mit Beleidigungen entgegenwirken möchte. Und seit vier Tagen setze ich mich aktiv Frust aus. In Form von Dark Souls 3.

Das mag für viele jetzt sehr lächerlich klingen, da Dark Souls 3 ein Videospiel ist, doch ist eines der „Stilmittel“ der gesamten Reihe und der Spiele des Entwicklers der letzten 10 Jahre die Frust. Das Spiel setzt dich vor äußerst schwierigen Herausforderungen in Form von wirklich schweren Boss-Gegnern und verlangt dass du sie erledigst. So wie z.b. das Tutorial, also das Level, dass dir die Spielmechaniken beibringt, damit du das Game überhaupt spielen kannst, mit einem Gegner beendet wird, der dreimal so groß ist wie du, und eine gewaltige Lanze mit sich führt.

Und mein Problem mit den Spielen des Entwicklers FromSoftware war immer, meine fehlende Frusttoleranz. Und auch während ich schon seit vier Tagen das Spiel spiele, erwische ich mich immer wieder wie ich lauthals mit Beleidigungen um mich werfe, wenn ich bei einem Boss nicht weiter komme. Doch ich spiele weiter. Ich bin, mit den DLC’s dazu gezählt, ungefähr bei der Hälfte des Spiels. Und habe immer noch die Motivation, weiterzuspielen.

Und ja: das ist aktuell das, was mich am meisten beschäftigt. Einen Großteil der Tage verbringe ich tatsächlich mit dem Spielen von Dark Souls 3. Das mag sie viele wahrscheinlich jetzt wie eine Ausrede klingen, um während des Retreat noch Videospiele zu spielen. Aber Fakt ist, dass ich nie das Konsumieren von Videospielen ausgeschlossen habe.

Ein Retreat ist äußerst persönlich. Hier steht vor allem die persönliche Entwicklung im Vordergrund. Und jeder Mensch hat eigene Probleme, die er selber angehen muss. Daher gibt es keine festen Regeln für ein Retreat. Bis auf eine: nutze die Zeit, um dich menschlich voranzubringen. Und daher spiele ich ja auch Dark Souls III. Um meine Frustresistenz zu verbessern. Denn es geht ein Problem an, dass mich persönlich stark beeinflusst.

Und das ist ungefähr das, was mich am Donnerstag am meisten beschäftigt hat. Frust. Ich kam bei drei Bossen nur nach dutzenden versuchen weiter und war selten so wütend. Doch ich habe weiter gespielt und sie besiegt.