Sexuelle Übergriffe und mehr bei Ubisoft

Ubisoft! Das einzige „Französisch“ für den einsamen Gamer. Einer der weltweit größten Publisher für Videospiele und zweitgrößte Videospiel-Firma in Europa (nach CD Project Red).[1] Bekannt vor allem für Spiele wie die „Assassin’s Creed“ Reihe, das vergessen der „Splinter Cell“ und die ewige Weiterführung „Just Dance“ Reihe. Über Jahre schon genießt der Publisher trotz seines Erfolges einen zwiespältigen Ruf:

  • Zum einen sind sie für Welterfolge wie die Assassin’s Creed Reihe bekannt, welche die Open-World-Formel der Videospiele für über ein Jahrzehnt geprägt hat.
  • Zum anderen werden sie für eben jene vorhersehbare Open-World-Formel kritisiert, in welcher man in jedem ihrer spiele Türme erklettern muss, um die Karte aufzudecken, welche mit unzähligen bedeutungslosen Nebenbeschäftigungen gepflastert ist, wie das sammeln von 200 Federn. Sie ist also wie ein Versicherter, der sein eigenes Auto mutwillig zerstört: Ziemlich anspruchslos.

Diese Open-World-Formel war jedoch so erfolgreich, dass Ubisoft sie für fast alle ihre großen AAA-Franchise genutzt hat. Darunter zählt auch der Ego-Shooter „Far Cry“, und die Militär-Taktik-Shooter der „Ghost Reacon“ Reihe. Und nicht nur das!

Auch Spiele von anderen Herstellern und Publishern übernahmen die Formel, samt erkletterbarer Türme und mehr Icons auf den Karten als Pickeln auf dem Gesicht eines Pubertierneden (und meinem). Zu den bekanntesten Vertretern zählen zum Beispiel „Horizon Zero Dawn“ des niederländischen Entwicklers „Guerilla Games“, das mittlerweile zu Sony gehört und „Mittelerde: Mordors Schatten“.

Doch gab es in den letzten Monaten noch viel schlimmere Vorwürfe als bloße Kreativlosigkeit im Open-World Design. Denn wie bekannt wurde, unter anderem vom Bloomberg-Journalisten Jason Schreier, gab es innerhalb von Ubisoft vermehrt sexuelle Übergriffe und Misshandlungen an den Mitarbeitern, ausgehend von Vorgesetzten.

Das alleine ist schon eine Katastrophe für den Ruf der Firma und eine einzige, große Sauerei. Doch über die letzten Wochen und Monate kamen immer mehr grauenhafte Details zum Arbeitsablauf zum Vorschein. Nicht nur gab es Berichte von Mitarbeitern zu sexuellen Übergriffen und „Würgeangriffen“ gegen weibliche Mitarbeiter [2], ein allgemein toxisches Arbeitsklima war in vielen Teilen der Firma Alltag. Mit großem Fokus auf Sexismus.

In einem detaillierten Bericht wurde zum Beispiel über die Wahl des Protagonisten des Games „Assassin’s Creed Odyssey“ gesprochen. So war von Anfang an vom Team die weibliche Figur „Kassandra“ als alleinige Spielfigur geplant. Der Grund, warum man sich am Ende als Spieler für Kassandra oder ihren Bruder Alexios entscheiden konnte, war nicht der Wunsch nach Entscheidungsfreiheit, sondern ein Mann Namens „Serge Hascoët“, dem damaligen „Chief Creativ Officer“ bei Ubisoft. [3]

Hascoët war ein sehr, sehr hohes Tier bei Ubisoft. Um genau zu sein war er so mächtig, dass er im Alleingang Videospiel-Projekte einstampfen konnte, wenn diese ihm persönlich nicht gefielen. So brach er ein Fantasy-Game mit König Arthur Thematik ab, dass über Jahre bei Ubisoft in Entwicklung war und für welches man sich Talente vom Kult-Rollenspiel-Entwickler Bioware abgeworben hatte, weil er Fantasy nicht mochte. Um genau zu sein, durfte es unter seiner Führung nur dann ein Fantasy-Game geben, wenn es, Zitat: „Besser als Tolkien“ sei. Und dieser Mann war es auch, der dem Team hinter „Assassin’s Creed Odyssey“ aufzwang, eine männliche Alternative zu Kassandra als Spielfigur anzubieten, weil „Frauen keine Spiele verkaufen.“ (Tomb Raider, Mirrors Edge, Beyond Good and Evil, Beyond Two Souls, The Last of Us Part II, Horizon Zero Dawn, NieR Automata, Life is Strange um mal ein paar Beispiele zu nennen, die seine Aussage als grundlegend Falsch zeigen) Zudem war er es, der dafür verantwortlich war, dass so viele Spiele des Publishers nach dem gleichen Schema für eine offene Spielwelt gemacht wurden, da er diese Art von Spiele am liebsten spielte. [4]

Und im Zentrum all dieser wiederwärtigen Ereignisse, steht vor allem die Familie um Yves Guillemots, dem CEO von Ubisoft. Denn Serge Hascoët war eng mit Yves befreundet und laut vielen Mitarbeitern gab Yves ihm so viele Freiheiten, dass er teilweise mehr Macht besaß, als der Mann, der mit seinen Brüdern Ubisoft 1986 gründete. Und es ist schwer vorstellbar, dass Yves Guillemots, das Gesicht der Firma, der es sich nicht nehmen lässt, regelmäßig auf der E3, der größten Videospiel-Veranstaltung des Jahres, aufzutreten und nichts von den Übergriffen wusste. In den unzähligen Berichten wird über eine bedrohliche Atmosphäre gegenüber Frauen gesprochen und all das über die vielen Standorte der Firma hinaus. [5]

Und was sagt Ubisoft dazu? Bis auf das provisorische „wir werden die Vorfälle untersuchen!“ gab es nur dieses 4-Minuten Video gestern auf Twitter, wenige Minuten vor einem Vorproduzierten Event von Ubisoft, wo viel mehr Leute zusahen und wo man das auch hätte ausstrahlen können: https://mobile.twitter.com/Ubisoft/status/1304087578094841856

Dass die Arbeitsverhältnisse in der Gaming-Industrie nicht gut sind, ist hinlänglich bekannt. 100-Stunden-Wochen sind nichts ungewöhnliches in der Industrie. [6] Doch diese Situation ist ein neues Level. Und doch fürchte ich, dass es bald unter dem Teppich gefegt wird, wie so oft. Denn Hussa! Im neuen Assassin’s Creed spielt man einen Vikinger und habt ihr die alte Oma in Watch Dogs Legion gesehen?! Total witzig, weil sie ist alt! Und in Far Cry 6 spielt ein Kerl aus Breaking Bad mit! So cool! Mh? War was?