Weil du mir gut tust – Ein Roman über Toleranz in der Liebe

Ebook-Cover

Gestartet unter dem Projektnamen „Orewood“, ist „Weil du mir gut tust“ mein erstes, kommerzielles Buch und eine Herzensangelegenheit, denn sie ist das Ergebnis meines Selbstfindungsprozesses in der Literatur. In jeder meiner Geschichten war die Liebe stets eine vorhandene Thematik und machte mir beim Schreiben am meisten Spaß. Mit „Weil du mit gut tust“ gehe ich nun einen Schritt weiter und stelle das schönste Gefühl der Welt in den Mittelpunkt. Ich betrete das für Männer ungewöhnliche Genre-Feld der Liebesromane und hoffe mit meiner Arbeit die Leser berühren zu können, in dem ich ihnen interessante Szenarien für die Liebe biete.

Der Klappentext:

„Wieso wollte er mich töten?“ Diese Frage stellt sich Jay seit dem letzten Schultag, als ihn sein bester Freund Corey umbringen wollte. Für die Mitschüler war es lediglich der tragische Höhepunkt des jahrelangen Mobbings an der Orewood-High.
Dem Tode gerade so entkommen, gelangt Jay zu der Erkenntnis, dass sein Leben zu kurz ist, um es alleine zu verbringen. Er stellt sich ein unmögliches Ziel: Lia zu gestehen, was er für sie empfindet. Gleichzeitig versucht er, Coreys Angriff zu verstehen. Um sein Ziel zu erreichen, muss er sich den psychischen Folgen des Angriffes und den konservativen Einwohnern von Orewood, einem Dorf, nahe der
Grenze zu Toronto, stellen.
Ein Einblick in die Jugendprobleme der Neuzeit, ausgelöst durch die Einstellung der früheren Generationen. Die Geschichte bietet Liebesdramen und ehrliche Charaktere, gepaart mit der Intoleranz der konservativen Erwachsenen.

Zusätzlich biete ich euch hier eine kleine Leseprobe an:

Weiterleben, statt zu verbrennen

Mit der Hand wischte sich Jay Tenner eine Träne vom Gesicht, als er am Morgen im Bett lag. Das war die erste emotionale Reaktion auf die vergangenen Wochen, die er sich erlaubt hatte. Dadurch bekam er das Gefühl, dass alles wieder gut werden könnte und dass er auf dem Weg der Besserung sei.
Sein Blick wanderte zu dem Fenster neben ihm, durch das die Sonne sein Zimmer in sanftes Gelb tauchte. Das Licht zeigte ihm, dass er die Tortur der Nacht endlich überstanden hatte.
Mit lautem Klingeln bestätigte ihm der Smartphonewecker schließlich den neuen Tag. Endlich konnte er ohne schlechtes Gewissen aufstehen. Diese kleinen Regeln gaben ihm die nötige Struktur, die er die letzten Wochen so sehr gebraucht hatte, um bei Verstand zu bleiben.
Seit zwanzig Minuten lag er wach im Bett und seine Gedanken rasten um den ersten Schultag nach den Ferien. Jay nannte den Tag dabei jedoch nicht den Tag nach den Ferien, sondern den ersten Schultag nach dem Prozess. Er hatte schon einige erste Schultage erlebt, doch war er noch nie am letzten von der Polizei abgeführt worden, vor ihm eine blutige Leiche, welche er zu verantworten hatte.
Um der wiedergekehrten Erinnerung zu entfliehen, stand Jay schließlich auf und trottete in das direkt an sein Zimmer angrenzende Badezimmer. Als er sich die Zähne putzte, fielen ihm seine mittellangen, braunen Haare immer wieder vor die Augen und es erinnerte ihn daran, bald zum Friseur zu gehen.
Interessant wie einfach unbequeme Gedanken verdrängt werden konnten, dachte er sich. Dann waren diese wieder da und er seufzte.
Er zog sich aus, drehte die Dusche auf und ließ das heiße Wasser auf seinen dürren Körper prasseln, hüllte den gesamten Raum in Wasserdampf. Die kleine Narbe auf seinem kaum vorhandenen Bauch, die vom letzten Schultag zeugte, sprang ihm direkt ins Auge und er schaute schnell von ihr auf.
Nach der wenig erholsamen Dusche nahm er die frische Kleidung, die ihm seine Mutter bereits am Vortag bereitgelegt hatte. Die Übervorsicht seiner Eltern konnte Jay ihnen nicht verübeln. Jessica war seit dem Überfall besonders anhänglich geworden und nahm Jay nahezu jede Arbeit im Haushalt ab, was ihm jedoch zu viel Zeit mit seinen Gedanken brachte. Sein Vater hingegen wurde viel neugieriger. Er wollte stets wissen, wie es seinem Sohn ging, was er dachte und wie er sich fühlte. Er bot Jay so unzählige Möglichkeiten an, sich seine Probleme von der Seele zu reden, doch nutzte er diese Möglichkeiten nie, da er sich davor fürchte.
In der Küche würden die beiden auf ihn warten und mit Fragen durchlöchern. Sie würden wissen wollen, wie es ihm ginge, ob er wirklich bereit sei, wieder zur Schule zu gehen und ob er nicht doch lieber die Schule wechseln wolle. Aber so mussten Eltern vermutlich sein, dachte sich Jay. Sie hatten etwas dagegen, dass ihr Sohn dorthin zurückging, wo er fast ermordet worden wäre.
Frisch angezogen schlenderte Jay die Treppe hinunter und biss sich nervös auf die Oberlippe. Der Schulbeginn rückte näher und die Reaktion der Schüler auf ihn konnte er sich kaum vorstellen. Seine Eltern halfen ihm mit ihren ständigen Fragen auch nicht, diese Furcht zu überwinden. Doch er wollte das Verhör seiner Eltern hinter sich bringen und trat mit einem gespielten Lächeln in die Küche.
Seine Mutter hatte ihm bereits Brötchen und Saft an den Platz gestellt und Alexander, sein Vater, lächelte ihn mindestens genau so gespielt an, wie es Jay tat. „Na? Gut geschlafen, mein Junge?“, fragte er.
Jay setzte sich und schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Können wir gleich los? Ich will etwas früher in der Schule sein, um zu sehen, wie die Lage ist.“
„Natürlich.“ Sein Vater tauschte besorgte Blicke mit Jessica, der Mutter aus.
„Jay?“ Sie legte ihre Hand auf die ihres Sohnes. „Du musst nicht zurück zur Highschool, das weißt du, oder? Hier in Orewood gibt es mehrere Alternativen.“
Jetzt fing es an, dachte sich Jay und griff zum Saft, blickte seine Mutter nicht an. „Danke Mom. Aber ich will dahin. Es war ja nicht meine Schuld.“ Er nahm einen Schluck vom bitter schmeckenden Inhalt des Glases und spielte unter dem Tisch mit einem der Zipfel der blau-weißen Tischdecke.
„Genau, Liebling. Es ist wichtig, dass du dir das immer wieder in Gedächtnis rufst. Und wenn jemand was anderes behauptet –“
Er stellte den Saft ab und blickte seiner Mutter in die blauen Augen. „Dann gehe ich zum Rektor. Ich weiß.“
„Wie geht es dir denn, Jay?“, fragte sein Vater und biss von einem Brötchen ab. Es wirkte beinahe so, als wäre ihm die Frage genau so zur Routine geworden, wie für Jay.
Doch hatte Jay jetzt keine Kraft mehr, ihm routiniert etwas vorzuspielen. „Ich fühle mich, als müsste ich jeden Augenblick kotzen.“
Alexander blickte ihn mit hochgezogenen Brauen an. „Willst du zum Arzt?“, fragte er mit vollem Mund.
„Nein.“ Jay nahm eines der Brötchen vom Teller und biss ab. „Ich brauche nur etwas zu essen. Bin bloß nervös. Ehrlich.“
„Gut, wenn das wirklich alles ist.“
Nach dem Frühstück stand Jay mit seinem Vater auf. „Wir sehen uns, Mom“, sagte er beiläufig.
„Ich liebe dich, Schatz!“
„Jap.“
Sein Vater stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
„Ich dich auch.“
Kaum waren sie aus der Ausfahrt gefahren, räusperte sich Alexander. „Und du bist dir wirklich sicher?“, fragte er, während er die Kreuzung Weinburgh-Street und Herek-Boulevard im alten, aber übertrieben gepflegten A6 überquerte. Manchmal überlegte sich Jay, ob sein Vater sich einfach alle Jubeljahre heimlich einen neuen Kombi kaufte oder ob er wirklich so sorgsam damit umging. Selbst nach über sechs Jahren war der Neuwagengeruch noch allgegenwärtig.
„Ich habe mir die Adrian-Winmotuh-High angesehen. Die ist wirklich nicht schlecht, Junior. Tolle Förderungen und Bürgermeister Beck ist dort auch zur Schule gegangen.“
Genervt tippte Jay mit dem Zeigefinger gegen seine Schläfe, während der Ellenbogen am Beifahrerfenster ruhte. Die Übervorsicht seines Vaters strengte ihn an, doch anders als zu Hause konnte er ihm im Wagen nicht entkommen.
„Danke Dad, aber das hast du mir schon vor Wochen gesagt. Ich komme klar.“
Er tat so, als würde er auf sein Smartphone schauen, und versuchte damit das Thema zu beenden. Vergebens.
„Ich mein ja nur, du hattest eh schon deine Probleme in der Schule, und jetzt?“
Er seufzte. „Jetzt habe ich vielleicht Glück und man sieht mich als psychisch kranken Mörder an. Die Leute halten sich meist von solchen Typen fern.“ Er blickte seinen Vater an, der ihm mit gerunzelter Stirn in die Augen sah, während er an einer Ampel hielt.
Das Runzeln, das Alexander in den letzten Monaten zu häufig benutzen musste, ließ seine dicke Brille an der Nase herunterrutschen. „Mein Junge, bitte …“ Er schob die Brille höher.
Jay hasste es, nicht ernst genommen zu werden. Noch vor dem Prozess hatte er seinen Eltern klargemacht, dass er die Schule wechseln werde. Trotzdem hatten sie versucht, ihm diese Entscheidung auszureden. Ihre Ausdauer bei diesem Thema war bemerkenswert. „War nur ein Witz“, sagte Jay. „Ich schaue einfach, wie es läuft, okay? Zur anderen Schule kann ich auch später noch gehen.“
Sein Vater lächelte durch seinen schwarzen Bart und klopfte Jay auf die Schulter. „Kluger Junge. Du willst wohl kein Opfer der verschiedenen Lernstandards werden, richtig?“
„Ja … sicher.“ Doch die Gründe, an dieser Schule zu bleiben, waren andere.
„Oder hat das was mit Lia zu tun?“
Mit aufgerissenen Augen blickte Jay seinen Vater an. „Was?“
„Hey. Keine Sorge. So lernte ich ja auch deine Mutter kennen. Es gibt schlechtere Gründe eine Schule zu besuchen, nicht wahr? So etwas steigert die Motivation enorm …“ Sein Lächeln wandelte sich zu einem frechen Grinsen, während er die Ärmel an seinem Hemd hochkrempelte. Etwas, dass er immer tat, wenn ihn Ampeln aufregten, die zu lange rot blieben. „Du solltest sie mal zu uns zum Abendessen einladen, finde ich. Wie früher, als ihr noch klein wart.“
„Dad …“ Er legte beide Hände vor sein Gesicht und gab ein weinerliches Ächzen von sich. Dieses Thema wollte er erst recht vermeiden.
Endlich sprang die Ampel auf Grün und sein Vater fuhr weiter. „Ich mein ja nur. Sie ist ein nettes Mädchen.“
„Und vergeben. Eben weil sie so scheiße nett ist.“ Jay schaute aus dem Autofenster, wie er es als Kind immer mit Begeisterung getan hatte. Damals hatte er versucht, die Namen der unzähligen vorbeirauschenden Geschäfte zu lesen, doch waren diese in der Bewegung verschwommen. Die Freude, wenn er doch einen lesen konnte, war dafür umso größer gewesen. So lernte er früher das Lesen. Doch jetzt reichte ihm das beruhigende Stechen der Kälte an seiner Stirn, hervorgerufen durch das Fensterglas.
„Dass sie in einer Beziehung ist, wusste ich nicht. Bist du wütend auf sie?“
„Nein. Nur wütend aufdie Kerle, die sie dated.“ Leise gab Jay ein Seufzen von sich, das den Blick seines Vaters kurz auf ihn zog.
„Tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du dich dadurch schlecht fühlst. Mir war nicht bewusst, dass du sie …“
„Liebst? Ja, jetzt weißt du es.“ Jay atmete tief durch. Er klang zu grob, fand er. „Es muss dir nicht leidtun, Dad. Sie ist ja nicht mit dir zusammen. Warum auch? Ich bin ja das jüngere Modell.“
Alexander grinste. „Den Galgenhumor hast du von deiner Mutter. Gott sei Dank.“
Endlich gab es ein anderes Thema. „Wieso ist das gut?“
„Na, je mehr Witze du und Jessica machen, desto schlechter fühlt ihr euch meistens. Das macht es für mich einfacher zu erkennen, wie es euch geht.“
„Aha. Humor also? Ein Redneck, ein pädophiler Priester und ein afroamerikanisches Kind sitzen in einer Bar –“
„Ist ja gut! Ich bin schon ruhig“, unterbrach ihn sein Vater mit breitem Grinsen.
Der Wagen fuhr an den Parkplatz des Schulgeländes und Alexander ließ den Motor weiterlaufen.
Er blickte zu seinem Sohn. „Bist du dir wirklich sicher? Wir könnten jetzt noch eine neue Schule für dich suchen.“
Genervt blies Jay Luft durch seine Lippen. „Dad. Ich liebe dich und so weiter, aber geh mir nicht auf die Eier.“
„Ja, gut. Aber –“ Sein Vater rieb sich den Nacken.
Jay war mit einem Bein bereits aus dem Kombi gestiegen. „Ja? Schnell, die Schule wartet.“
„Falls du deine Meinung ändern solltest –“
„Dad …“
Er hob unschuldig seine Hände. „Nein. Ich mein ja nur. Ich unterstütze dich, wo ich nur kann. Wechsle die Schule, wenn du einen guten Grund hast, aber nicht, um zum Beispiel Lia aus dem Weg zu gehen.“
Jay rollte mit den Augen. „Ich bin nicht acht.“
„Nein, du bist sechzehn. Genau das Alter, in dem man denkt, dass so etwas der richtige Weg sein könnte, um mit einem Liebesproblem umzugehen.“
Ein Schulwechsel, um Lia nicht mehr sehen zu müssen, war tatsächlich eine Möglichkeit, an die Jay relativ häufig denken musste. „Ich habe noch nie daran gedacht, für ein Mädchen die Schule zu wechseln. Das wäre ja irrsinnig.“
„Das ist gut. Freut mich.“
Nachdem er aus dem Wagen gestiegen war, lehnte Jay mit dem Kopf wieder hinein, die Hand auf dem Autodach ruhend. „Ich komme klar. Es lief vorher ja auch nichts mit ihr.“
„Und trotzdem trägst du seit Kurzem das.“ Sein Vater zeigte auf Jays Hemd und Anzugweste.
„Ja, gut. Es läuft zwar nichts, aber ich kann es dennoch versuchen.“ Er grinste. „Kann ich jetzt gehen? Bitte?“
Sein Vater presste die Lippen zusammen. „Mach, dass du verschwindest, und habe einfach Spaß, ja?“
Jay nickte.
„Komm aber pünktlich nach Hause. Deine Mutter will für uns kochen.“
Jays genervter Gesichtsausdruck wechselte schlagartig zur Furcht. „Dad?“
Es gab drei Dinge, die Jessica nicht konnte: Das Abschalten vom Mutter-Sein, das Abschalten vom Ärztin-Sein und das Kochen. Letzteres wollte sie trotzdem alle paar Wochen versuchen, was meist in einer ungenießbaren Masse und einem Anruf beim Lieferdienst endete.
„Ja, ich überwache das schon.“
Jay drehte sich um und blies angestrengt Luft durch seine Lippen, als ihn der kalte Wind der ersten Septemberwoche beinahe überwältigte. Gelbe und rote Blätter wehten im Wind und bald würden die Reinigungskräfte anfangen müssen, sie vom Parkplatz zu entsorgen. Der Herbst war in vollem Gange.
„Ich liebe dich, mein Junge“, rief ihm sein Vater aus dem Auto zu und Jay seufzte.
„Ja, das ist mir nicht neu.“
„Ich kann dich hören, du vorlauter Bengel.“
Grinsend drehte er sich zu seinem Vater, bevor er sein Fahrrad aus dem Kofferraum holte. Endlich fuhr Alexander weg.
Die Fahrt zur Schule erinnerte Jay daran, wie gut es sich anfühlte, sich stets auf seine Eltern verlassen zu können. Egal wie schlimm es in der Schule werden würde, er wäre nicht alleine. Würden ihn alle Schüler hassen, könnte er, dank ihnen, damit leben. Es gab jedoch eine Schülerin, deren Zurückweisung er nicht so einfach verkraften würde: Lia. Daher wollte er so schnell wie möglich erfahren, was sie von ihm hielt.
Mit Müdigkeit in den Augen schaute er zu dem prächtigen, dunkelroten Gemäuer der Orewood-High. Die Sonne schien auf die gesamte Schule und nur wenige Wolken trübten den perfekten Eindruck. Der zentrale Ziegelsteinturm des Gebäudekomplexes hatte in den Ferien einen neuen Anstrich bekommen und hob sich durch das kräftigere Rot vom übrigen Bauwerk ab.
Mit rasendem Herzen schob Jay sein Rad über den Parkplatz der Schule. Ihm wurde übel, denn er hatte, auf Anraten seines Vaters, während des Prozesses keinerlei Kontakt zu den Schülern gehabt. Wie sie auf den Tod von Corey Palimieri reagieren würden, hatte er sich in den letzten Wochen und Monaten immer wieder ausgemalt und seine Vorstellung wechselte ständig von einem Extrem zum anderen.
Mitten in Gedanken versunken, liefen Schüler, die in der Masse kein Gesicht zu haben schienen, bereits an Jay vorbei, redeten miteinander und erweckten den Eindruck, als wäre Jay ihnen egal. Wie früher eben.
Der Prozess hatte sechs Wochen gedauert und lokale Nachrichten hatten ihn breit ausgeschlachtet, weshalb Jay nicht damit rechnete, dass irgendjemand nichts davon mitbekommen hatte. Einige Tage lang belagerten Presseleute das Haus seiner Familie. Daher blieb keine Zeit zum Entspannen. Tatsächlich hätte er genau jetzt einen ausgedehnten Urlaub vertragen können, doch sein Weg führte ihn wieder zur Schule.
Als er weiter in Richtung Schulgebäude ging, atmete er angespannt ein. Schüler konnten gemein sein und Corey war verdammt beliebt gewesen. Jeder könnte Jay auf den Vorfall ansprechen oder Schlimmeres. In ihm keimte der Gedanke auf, er wäre umringt von potenziellen Angreifern gewesen, und dieser Gedanke ließ seine Hand schweißnass werden.
Eine Stimme stach aus dem Sprachgewirr der Schüler heraus. „Ey! Yo, Tenner!“
Jay drehte sich um. Ein Stück entfernt standen einige Footballspieler und ehemalige Teamkameraden von Corey vor einem Sportwagen. Unter ihnen Mikey Hoffman, der auf der Motorhaube seines grünen 1964er Ford Mustang saß.
Mitten in der Gruppe stand plötzlich Corey. Ich sag es euch!, hatte der damals gerufen, als Jay vor der Gruppe hielt. Mikey Hoffman hat es drauf. Ich sag dem Coach nachher, dass er ihn mal einwechseln soll. An die Kommentare der anderen Schüler konnte er sich nicht mehr erinnern. Doch dass Corey sich zu Jay drehte und ihm lächelnd zunickte, vergaß er nicht. Ach Schwachsinn, Ayar. Er ist gut. Ich habe ihn persönlich trainiert! Jay hasste es, wenn er seine Erinnerungen an Corey bildlich vor sich sah. Es hielt jedoch nie länger als ein paar Sekunden an.
James Nichols, ein Schüler, der in Wales geboren war und erst seit einigen Jahren in den Staaten lebte, winkte Jay zu sich und riss ihn damit aus seinen Erinnerungen.
Der gebürtige Brite trug die schwarz-rote Sportjacke mit der gleichfarbigen Hyäne als Wappen der Schule, wie jeder aus der Gruppe.
Jetzt war es so weit. Das Wegrennen und Verstecken, das ihm sein Instinkt mit unerbittlicher Intensität zubrüllte, war seit dem Angriff von Corey keine Option mehr gewesen. Er wollte sich durch die Angst nicht einschränken lassen und die anderen Schüler sollten die Möglichkeit haben, ihm zu sagen, was sie über den Mordversuch dachten. Auch die Sportler.
Diese nickten Jay zu und Faruk Ayar lächelte, als Jay näherkam. Nur Mikey Hoffman blickte zur Seite und schüttelte langsam den Kopf.
Mit schweißnassen Händen blieb Jay vor dem Auto stehen und kettete das Fahrrad an einer Laterne an. „Hi“, sagte er und sofort schlug ihm jemand gegen den Rücken. Als er erschrocken aufblickte, erkannte er, dass Faruk, der massige Quarterback der Mannschaft, ihm lediglich aus Freundschaft auf den Rücken klopfte.
Er stand neben Chris und James. „Alter. Gut siehst du aus! Wie geht es dir?“, fragte Faruk.
Noch immer ängstlich schaute Jay umher, doch Faruks sympathisches Lächeln beruhigte ihn. „Äh … ja, ganz gut, denke ich!“ Lächelnd richtete er sich vom Fahrrad auf. So freundlich war Faruk vorher nicht gewesen, stellte Jay fest. Faruk war aber auch nie ein Arschloch zu ihm, was ihn besser machte, als die meisten Schüler dieser Schule. Er arbeitete sogar ehrenamtlich bei der Obdachlosenhilfe von Orewood und wurde für seine Arbeit von Bürgermeister Beck höchstselbst für sein Engagement ausgezeichnet. Dass er ihn nur vor die Kamera lockte, um die Einwandererfreundlichkeit der Stadt zu präsentieren, wurde dabei ebenso ignoriert, wie die Tatsache, dass Faruk in den Staaten geboren wurde.
„Das mit Corey … ich weiß ja nicht, Alter, ob ich einfach so zurück zur Schule gegangen wäre. Ich hätte diesen Psycho als Vorwand genommen, um schön lange wegzubleiben.“ Sein Grinsen entlockte Jay ein Lachen.
„Komm schon, Ayar“, sagte Mikey enttäuscht und fuhr sich mit der Hand durch seine Undercut-Frisur. „Du kanntest Corey, er wird seine Gründe gehabt haben.“
Dieser Gedanke war einer der vielen, die Jay ständig verfolgten, denn er mochte Corey wirklich, vielleicht sogar zu viel. Die ersten Wochen gab er sich die Schuld an dem Angriff.
„Da hat er nicht unrecht“, begann James. „Er war die Ruhe selbst und dann rastet er so aus?“
Mit einem Mal wurde Jays Kehle staubtrocken.
„Der ist mit ’nem Messer auf ihn losgegangen, scheiße noch mal“, entgegnete Faruk und verschränkte die Arme. „Welche Gründe konnte er haben? Das ist fucking Jay! Gay-Jay! Womit sollte er Corey so wütend machen? Er ist ein Lauch.“ Er blickte zu Jay. „Äh … nichts für ungut, Kumpel.“
Die Schmähung nahm Jay zur Kenntnis und nickte. Er wusste ja selbst, wie schwach er war. Dass er Corey überhaupt überwältigen konnte, den Kapitän des Footballteams, war für ihn immer noch ein Wunder. „Ja, kein Ding. Aber Gay-Jay? Ich bin nicht schwul.“
„Wissen wir doch.“ Faruk schlug ihm erneut freundschaftlich auf den Rücken.
„Es muss etwas geben.“ Mikey würdigte Jay keines Blickes und James stimmte ihm mit einem Nicken zu. „Wir beide … wir alle übernachteten unzählige Male bei ihm im Poolhaus und haben uns dabei besoffen.“
„Er hat mich sogar versorgt, als ich mir den Knöchel bei ihm aufgerissen habe und er hat meine Eltern angerufen, um zu sagen, dass ich später komme“, ergänzte James.
Von Trauer übermannt, atmete Jay tief durch und ballte die Fäuste. Corey hatte ihn nie nach Hause eingeladen und dennoch nannte er ihn seinen besten Freund. Der Gedanke, dass er so armselig war, einen Jungen, der ihn umbringen wollte, als eine der wichtigsten Menschen in seinem Leben zu bezeichnen, ließ ihn beinahe losheulen.
„Corey hat dem Kind seiner Nachbarin immer wieder was vorgelesen, wenn die Eltern länger mussten, Scheiße noch mal!“, fuhr Mikey fort. „Und er soll ein Psycho gewesn sein? Was hast du ihm angetan, Jay?“ Jetzt blickte er ihn das erste Mal an.
Jay atmete erschrocken ein. „Nichts. Also nichts, von dem ich wüsste. Alles deutet auf etwas Psychologisches hin, ehrlich“, sagte er beinahe automatisiert im Selbstschutz.
„Psychische Krankheiten können sich auf vielerlei Weise bemerkbar machen“, warf Faruk ein. „Auch Stimmungs- und Verhaltensschwankungen können Anzeichen sein, die man vielleicht nicht sofort bemerkt.“
„Aber er war immer nett“, sagte Jay in einem Anflug von Verteidigungszwang für Corey, den er selbst nicht verstand.
Die Gruppe sah ihn an.
„Was? Woher willst du das wissen, Tenner?“, zischte Mikey wütend.
„Corey war oft bei mir in der S3-Initiative. Wir haben viel geredet.“ Die Erinnerung an die intimen Gespräche, bewegten Jay beinahe zu einem Lächeln.
„Die was?“, erkundigte sich Chris.
Jay rollte mit den Augen. „Der Support zur Sexualität für Schüler-Initiative.“
Die Sportler tauschten Blicke mit ihm aus. „Wofür war Corey dort?“, fragte Chris nach.
Enttäuscht runzelte Jay die Stirn und Mikey setzte sich auf. „Nein. Nicht jeder, der zu mir kommt, ist direkt Schwul oder hat Sexual-Probleme. Er war ja in der Handwerksgruppe und hat mir im Büro neue Möbel gemacht. Da haben wir oft miteinander geredet.“
Jay hätte schwören können, dass sich Mikeys Mundwinkel leicht zu einem überheblichen Lächeln gehoben hatten, als er zu ihm blickte.
Sofort wechselte der Blick zur Abscheu. „Ja, als ob du sein bester Freund warst.“ Mikey schüttelte verächtlich den Kopf.
Am liebsten hätte Jay ihn angeschrien, denn er war der festen Überzeugung gewesen, dass er Coreys bester Freund gewesen war, was beide mehrmals bewiesen hatten. Doch er hatte Corey versprochen, niemandem etwas davon zu sagen. Dass er dieses Ehrenwort nach Coreys Tod einzuhalten versuchte, war gleichermaßen eine Stärke als auch eine Schwäche seines Charakters. Er hielt immer seine Versprechen, konnte mit dem Mordversuch so aber auch nicht abschließen und das wollte er auch nicht, weil er Corey dann endgültig verlieren würde, da dies einer der Auslöser für die bildlichen Erinnerungen an ihn waren.
„Mikey, jetzt sei doch keine Pussy, Alter“, sagte Faruk und stieß ihm grinsend gegen die Schulter, doch Mikeys Gesichtsausdruck ließ keinerlei Spaßbereitschaft erkennen. „Corey ist mit einem Messer auf ihn losgegangen. Natürlich war das ein Psycho.“ Faruk legte seine Hand auf Jays Schulter und zeigte mit der Hand auf ihn. „Jay gründete und leitet die S3-Initiative. Vielleicht war das ja Coreys Problem. Homophobie. Wo ich herkomme, ist das ein ernstes Problem.“
„Da, wo du herkommst, bekommt man aber auch in der Schule beigebracht, wie man sich für Jungfrauen in die Luft sprengt.“
„Du meinst in Minnesota?“ Faruk rollte mit den Augen.
Chris, James und Jays Blicke begegneten sich, als Mikey aufsprang und sich vor Faruk aufbaute. „Corey war kein Psycho!“
„Hey. Kommt schon!“ Chris griff Mikey an dem Arm, doch der riss sich los.
„Ihr kanntet ihn nicht so gut, wie ich!“, brüllte Mikey.
Faruk, der ihn um fast einen Kopf überragte, beugte sich zu Mikey herunter. „Wer sich wie ein Psycho verhält, ist halt ein Psycho, Hoffman.“
„Bitte. Auseinander!“, sagte Jay und griff beiden an die Schultern. Faruk nickte und richtete sich von Mikey hoch, doch der blickte zu Jay.
Da erkannte er, wie Mikey seine Hand zur Faust ballte und ließ den Schlag zu.
Mikey traf ihn mit voller Wucht im Gesicht. Jay flog rückwärts auf den Asphalt und prallte mit dem Kopf auf dem Boden. Die Luft wurde aus seinen Lungen gedrückt und er keuchte. Einen Augenblick sah er alles verschwommen.
„Bist du blau?“, brüllte Chris und stieß Mikey so heftig, dass dieser auf die Motorhaube krachte. „Verschwinde und komm erst zurück, wenn du wieder normal bist, Psycho!“
Faruk und Chris eilten zu Jay, um ihm aufzuhelfen, während James ruhig zu Mikey ging. Er lächelte einfach, während er ihn wegdrängte. Niemand konnte James für seine bezirzende Art böse sein. Manche machten Witze über sein Charisma und nannten ihn „Der Doktor“, angelehnt an „Doctor Who“.
„Ach, fickt euch doch! Auch du, Nichols“, rief Mikey schließlich und stürmte in das Schulgebäude.
„Alles okay, Kumpel?“, fragte Chris, der Jay anblickte.
Die gaffenden Schüler um sie herum lösten sich nach einigen Augenblicken auf. Jays Nase tat ihm weh, und um das Pulsieren zu beenden, fuhr er mit der Hand darüber. An seinen Fingern fühlte er Flüssigkeit und sah schließlich ein wenig Blut.
Sein Blick wanderte an sich hinunter und er schüttelte den Kopf. „Meine Weste …“ Sie war dreckig aber Faruk und James klopften sie im Großen und Ganzen sauber, während James ihm ein Taschentuch für seine blutige Nase reichte.
„Das wird schon wieder, Alter“, sagte Faruk. „Nur ein wenig Nasenbluten. Das härtet ab!“
„Aha …“
„Er hat′s schwer“, sagte Chris. „Nimm ihm das nicht übel, jo? Geh nicht zum Rektor oder so. Der ist eh kurz davor zu fliegen wegen seiner Anmache an den Mädchen, und wir brauchen ihn in der Saison.“
„Saison? War die nicht erst?“
Faruk und Chris lachten.
„Ja. Die kommt auch dieses Jahr.“ James grinste. „Wurde ganz spontan entschieden, die noch mal zu machen.“
Jay nickte und wischte sich das Blut von der Nase. Mikeys Reaktion war genau die, die er an diesem Tag von jedem Schüler erwartet hatte. „Ja, ich werde nicht petzen. Corey war sein Freund, da bräuchte wohl jeder einfach Zeit und ich ein stabileres Gesicht.“ Die Jungs lachten. „Aber es wäre echt gut, wenn ihr mit ihm redet. Der kann jetzt nicht hier herumlaufen und jeden verprügeln.“
Chris seufzte. „Natürlich. Wir fragen nachher Etienne mal, ob er ihn sich zur Brust nimmt.“
„Kommt, gehen wir rein. Es klingelt gleich und ich glaube, ich hab vor den Ferien einen Apfel im Spind vergessen. Ich möchte das so schnell wie möglich hinter mich bringen.“ Faruk zeigte mit dem Kopf zum Gebäude und alle gingen los.
Auf dem Weg schmerzte Jays Rücken und er streckte sich etwas. Während er seine Arme in die Luft hob, wanderte sein Blick zum Schulgebäude und sah an einem Fenster einen gut gekleideten Mann im Anzug, der mit zusammengepressten Brauen auf Jay blickte, ehe er sich umdrehte und in der Dunkelheit des Raumes verschwand.
Faruk ging zum Eingang und öffnete für die anderen Schüler die Tür, lächelte dabei jedes Mädchen an, welches hindurchging.

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